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Die Welt bis gestern

Was nun – deutsch-russische Freundschaft?

Weltpolitik mit Strickjacke. Einigung über die Souveränität des einigen Deutschlands im Juli 1990 zwischen Kohl, Gorbatschow und Genscher.
Weltpolitik mit Strickjacke. Einigung über die Souveränität des einigen Deutschlands im Juli 1990 zwischen Kohl, Gorbatschow und Genscher.picturedesk.com
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Bilanz. Annäherung und Feindschaft, Abgrenzung und Verständigung bestimmten der Weg der deutsch-russischen Beziehungen in den vergangenen hundert Jahren. Über verwickelte Gesamtzusammenhänge bis hin zur Eiszeit von heute.

Die ganze Welt kennt dieses Ritual, wenn sich Anfang Mai vor imposanter Kreml-Kulisse Staatsspitze und hochbetagte Veteranen zum Gedenken an den Sieg über Nazideutschland versammeln. Der gewohnte Ablauf mit traditioneller Militärparade hatte am 9. Mai 2005 eine besondere Nuance: Unter den mehr als 50 geladenen ausländischen Staats- und Regierungschefs befand sich erstmals ein Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Wie er auf der Ehrentribüne neben dem amerikanischen und französischen Präsidenten platziert war, zeugte von besonderer Wertschätzung. Gerhard Schröder war dem Gastgeber eng verbunden. Dieser, Wladimir Putin, beschwor in seiner Rede geradezu emphatisch die „Versöhnung zwischen Russen und Deutschen“ als eine der „wertvollsten Errungenschaften im Nachkriegseuropa“. Das sei ein Vorbild, an dem sich die Weltpolitik orientieren könne. Ja, es sei wirklich ein „Wunder der europäischen Geschichte“, so Schröder kurz darauf.

Noch zehn Jahre zuvor war die Zeit nicht reif für derartige symbolreiche Erinnerungsgestik. Helmut Kohl nahm die Einladung Boris Jelzins, an der bombastischen Parade teilzunehmen, nicht an. Er legte einen Kranz auf einem Soldatenfriedhof in der Nähe Moskaus nieder. 2015 war es genauso: Ein Jahr zuvor hatte Putin die Krim annektiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die einen geschäftsmäßig-distanzierten Umgang mit Putin pflegte, sah ebenfalls von einer Teilnahme ab. Sie kam am Tag danach in frostiger Atmosphäre auf eine Stippvisite vorbei – eine diplomatische Ohrfeige. So wurde der Termin Anfang Mai immer wieder zu einem Stimmungsbarometer für den Grad der Versöhnung – bis hin zum Jahr 2022, in dem kein einziger ausländischer Staatsmann nach Moskau reiste.