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Reiseleiter

Traumberuf oder Knochenjob?

Reisegruppen im In- oder Ausland zu begleiten, will gelernt sein.
Reisegruppen im In- oder Ausland zu begleiten, will gelernt sein.IMAGO/CTK Photo
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Nach schweren Jahren für die Reisebranche scheint jetzt die Zeit für Globetrotter und Quereinsteiger gekommen.

Nach der Coronapandemie atmet eine ganze Branche auf. Die Zeichen für einen wirtschaftlich erfreulichen Sommer stehen gut, doch allerorts fehlt Personal. Aufgrund des kaum vorhandenen Einkommens haben viele den Beruf gewechselt. So geschehen auch bei jenen Reiseleitern, die meist österreichische Bustouristen auf ihren Fahrten ins nähere Ausland oder zu Bade-Wochenenden an die Adria begleiten. „Sie sind alle weg! Deshalb ist genau jetzt die Chance für Quereinsteiger gekommen“, meint Sabine Tanner-Banndorff, die in ihrer Reiseleiter-Akademie seit mehr als zehn Jahren Reisebetreuer ausbildet.

Gerti Schmidt, Obfrau bei der Wirtschaftskammer Wien, wähnt die Reiseleiter-Branche als „schwer getroffen“, gibt sich aber zuversichtlich: „Bei den Gewerbeberechtigungen sehen wir keine Veränderung. Ich führe das darauf zurück, dass die Förderungen funktioniert haben. Ich glaube, dass die meisten in den Beruf zurückkehren werden, denn da ist viel Herzblut und Leidenschaft dabei.“ Trotz des Mangels an Reiseleitern sieht Tanner-Banndorff keinen Grund für den Blick durch die rosarote Brille: „Reiseleitung ist ein Knochenjob, rund um die Uhr und 24/7.“

Kurse werden gefördert

Im Prinzip ist „selbstständiger Reiseleiter“ ein freies Gewerbe. Das bedeutet, dass ein Gang zur lokalen Wirtschaftskammer ausreicht, um einen Gewerbeschein zu lösen. Um den Reiseleiter-Ausweis im Scheckkartenformat zu erhalten, gibt es keinerlei Qualifikations-Checks. Wer allerdings als geprüfter Reiseleiter auftreten möchte, muss dazu eine Diplomprüfung bei einem anerkannten Bildungsinstitut ablegen, was ohne eine entsprechende Vorbereitung ein eher aussichtsloses Unterfangen ist. Deshalb bieten Tanner-Banndorff – und weitere Anbieter wie das Wifi und BFI – einen Lehrgang für gewerbliche Reisebegleiter bzw. zum diplomierten Reiseleiter an. Die Kursgebühren, die zum Teil vom AMS gefördert werden, betragen bei einigen Ausbildungen mehr als 2000 Euro.

Die zu betreuenden Gäste gliedern sich in zwei Gruppen: Unter „Incoming“ sind Urlauber aus dem Ausland zu verstehen, die nach Österreich kommen. Bei der „Outgoing“-Gruppe begleitet der Reiseleiter zumeist Busreisende ins nähere Ausland zu Kultur-, Kulinarik- oder Sightseeing-Trips. Die Ausbildung dauert je nach Anbieter zwischen zwei Wochen und drei Monaten (berufsbegleitend), Fremdsprachen und Vorkenntnisse in einem Spezialgebiet (z. B. Geschichte, Architektur oder Exotisches wie Kräuterkunde) sind zwar keine Voraussetzung, aber von Vorteil.

Gelehrt werden unter anderen Grundlagen der Touristik und Rechtliches, Planung und Durchführung von Reisen, Gruppendynamik, Umgang mit Reklamationen und Konflikten und geführte Freizeitgestaltung. Den Abschluss bildet ein schriftlicher Test bzw. eine Diplomarbeit und ein Praxisteil, bei dem eine Reisegruppe von bis zu fünfzig Gästen ins benachbarte Ausland begleitet wird.

Rafael Prehsler gründete seine Reiseakademie im Herbst 2019 und widmet sich hauptsächlich dem Outgoing-Tourismus. Seine Lehrgänge sind an die Bedürfnisse seines Kooperationspartners Ruefa angepasst. Der Kursbeste bekommt ein Jobangebot bei einem Ruefa-Partnerunternehmen: „Die Inhalte und die Gestaltung der Akademie übernehme ich. Ruefa nutzt das Netzwerk“, erklärt Prehsler. Auch Tanner-Banndorff sieht nach Absolvierung eines Lehrgangs beste Berufschancen. „Ich bekomme viele Anfragen von Veranstaltern, ob ich verfügbare Reiseleiter in meinem Netzwerk habe. Die besten Absolventen vermittle ich für die Saison von April bis Oktober, wie an Wochenenden zur Begleitung der Bäder-Busse an die Adria.“ Da sei man voll sozialversichert.

Die Welt kostenlos sehen und dabei Geld verdienen – das Prinzip ist richtig, doch die Gehaltsaussichten holen viele angehende Reiseleiter wieder auf den Boden der Realität zurück. Der Beruf sei, sagt Tanner-Banndorff, weder partner- noch familienfreundlich, das Wirtschaftsverhältnis prekär. „Das absolute Minimum sind 100 Euro pro Tag, darunter sollte man nicht gehen“, rät die Expertin und warnt, dass Vorbereitungs- und Anreisezeiten nicht bezahlt werden. Zudem existiere kein Kollektivvertrag. „Für die meisten ist es ein Nebenjob. Das Geld darf für den Beruf keine Motivation sein.“

Information

Wege zum geprüften Reiseleiter (Auswahl einiger Anbieter):

• Reiseleiter-Akademie Wien, www.reiseleiter-akademie.at;

• Club Europa, www.clubeuropa.at;

• Wifi, www.wifi.at;

• BFI Wien, www.bfi.wien;

• Bildungsforum, www.bildungsforum.at;

• Reiseakademie, https://ruefa-reiseakademie.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2022)