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Baugeschichte

Heimvorteil beim Hausbau: "Man kennt die Leute der Gegend"

Petra Winkler war eine eher unfreiwillige Bauherrin. Das Resultat und ihre Erfahrungen mit den regionalen Handwerkern haben sie mit dem Projekt jedoch mehr als versöhnt.

Petra Winkler kann in diesen Tagen eine gewisse Vorfreude nicht verhehlen. Noch im Laufe des Sommers, so der Plan, wird sie gemeinsam mit Lebensgefährten Matthias und Kater Katzbär in ihr neues Haus einziehen. Dort stehen ihr rund 170 m2 Wohnfläche, eine große Terrasse und ein schöner Garten zur Verfügung. Der Trockenbau sei schon fast fertig, erzählt sie, gerade seien die Elektriker und Installateure am Werken und alles laufe nach Plan.

Das Haus steht in Kirchberg am Walde im Waldviertel, und zwar direkt im Zentrum am Marktplatz auf einem Grundstück, das mit 2000 Quadratmetern etwa doppelt so groß ist wie die umliegenden Grundstücke. Und trotzdem war es lang ein ungeliebtes Kind. Der Grund: Durch das Zentrum verläuft eine Landesstraße mit Schwerverkehr, und zu allem Überfluss hat kürzlich in unmittelbarer Nachbarschaft auch noch eine Diskothek wiedereröffnet. „Niemand aus meiner Familie hat das Grundstück mit dem in die Jahre gekommenen Wohnhaus und Stadel wollen, also hab ich es halt schließlich genommen“, sagt die 36-Jährige schmunzelnd. Und alle hätten sich darüber gefreut.

Einst ein Stadel, jetzt ein schmuckes Langhaus. Die strikte Konzentration auf Nachhaltigkeit und Regionalität macht es zu einem Vorzeigeprojekt.(c) Privat

An dem Anwesen, das sie 2015 von ihrer Oma geerbt hat, hängen nämlich mehr als 400 Jahre Familiengeschichte. „Der Kaufvertrag aus dem Jahre 1601 ist noch erhalten“, erzählt Winkler, die in Wien arbeitet und dort derzeit noch in einer Mietwohnung lebt. Einen nicht unerheblichen Einfluss auf diesen ihren Entschluss hatte aber auch die Coronakrise: „Die Möglichkeit, aus dem Home-Office heraus arbeiten zu können, hat uns überzeugt, dass so ein Projekt am Land doch eine gute Investition sein könnte“, sagt sie.

Holzriegelbauweise

Begonnen wurde im August 2021 mit dem Abriss des Stadels, an dessen Stelle im September des gleichen Jahres das neue Haus Gestalt anzunehmen begann. Beim Material entschied man sich für eine Holzriegelbauweise, „weil das ökologisch ist und durch die Vorfertigung der Teile einen zügigen Baufortschritt versprach“. Ökologische Überlegungen spielten auch eine Rolle bei der Entscheidung für ein Punkt-Streifenfundament: „Das muss man sich als eine Art Pfahlbau vorstellen. Es war uns wichtig, dass der Boden atmen kann und nicht durch Beton versiegelt wird“, erläutert Winkler. Als Vorbild hierfür diente das Nationalparkhaus Thayatal. Die Dämmung besteht aus Zellulose, geheizt wird mit einer Luftwärmepumpe, die von einer Fotovoltaikanlage mit Strom gespeist wird.

Und über allem steht der Primat der Regionalität. Das verwendete Holz wurde zum Teil im eigenen Wald geschlägert und in einem Sägewerk im Ort geschnitten. „Das stand zwar schon länger still, aber der Schwiegervater hat es mit seinen guten Kontakten geschafft, dass es für diesen Zweck noch einmal in Betrieb genommen wurde“, sagt die Bauherrin. Ein Teil des Altholzes aus dem abgerissenen Stall wurde in den Neubau integriert.

Man kennt sich

Ein erstes Konzept ließ man von einem lokalen Architekten erstellen, die eigentliche Planung und Errichtung wurde an eine lokale Holzbaufirma übergeben. Ebenfalls aus dem Ort oder der näheren Umgebung kommen die Handwerker: Fliesenleger, Installateure, Elektriker oder Dachdecker. Einzig die Fenster stammen aus dem Burgenland. „Aber das kann man sicherlich rechtfertigen“, sagt Winkler und lacht.

Innenleben: Ein Teil des verwendeten Holzes kommt aus dem eigenen Wald.(c) Privat


Die Entscheidung für diese rigorose Regionalität ist weniger idealistisch, als es scheint, vielmehr von einer guten Portion Pragmatismus getragen. „Die Leistungen kommen auf den ersten Blick vielleicht etwas teurer, aber wenn man bedenkt, wie viel Ärger man sich später erspart, steht unter dem Strich sogar noch ein Plus“, meint die Bauherrin, die gleichzeitig betont, dass sie es immer wieder so machen würde.

„Man kennt die Leute der Gegend, diese kennen sich untereinander, und jeder fühlt sich verantwortlich und will sich vor den anderen nicht die Blöße geben, schlecht zu arbeiten“, beschreibt sie das gesunde Konkurrenzverhältnis der lokalen Handwerker untereinander. Was sich ebenfalls sehr gut bewährt habe, erzählt sie, seien die Teambesprechungen der verschiedenen Gewerke untereinander. „Ich kann das nur jedem empfehlen. Dadurch lassen sich viele Fehler vermeiden und es schafft Gemeinschaftssinn und Vertrauen untereinander, wenn nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht.“ Ebenfalls ratsam sei eine Vorbegutachtung des Projektes durch die Gemeinde. „Das kostet nicht viel und ermöglicht dann eine umso zügigere Genehmigung.“

Wissensvorsprung

Ein weiterer Vorteil dabei, mit regionalen Handwerksbetrieben zu arbeiten, sei, dass man von deren Vernetzung untereinander profitieren kann. „So wurden wir vorgewarnt, als sich abzeichnete, dass sich verschiedene Baumaterialien verknappen und verteuern würden. Dadurch konnten wir rechtzeitig reagieren und vermeiden, dass uns die Preise davongaloppiert sind.“ Etwas anderes würde sie hingegen nicht mehr machen: den Estrich ausheizen. „Weil dadurch das Holz ausdörrt und sich Spalten bilden können. Aber das ist etwas, was man erst in der Praxis lernt.“

Mit dem Standort im Dorfzentrum hat Winkler inzwischen Frieden geschlossen. Vor dem Lärm der Diskothek schützen Lärmschutzwände und von der Straße ist das neue Haus relativ gut abgeschirmt, weil es etwas nach hinten versetzt wurde. Etwas unrund wird sie aber, wenn sie an das nächste Projekt denkt: Irgendwann müsse wohl auch das alte Wohngebäude erneuert werden, meint sie, Familientraditionen verpflichten schließlich. „Darüber denk ich aber erst später noch einmal nach“, sagt sie und lächelt verschmitzt.

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