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TikTok

Plötzlich Influencer durch Depp und Heard

Johnny Depp und Amber Heard beim Film Festival in Venedig 2015.
Johnny Depp und Amber Heard beim Film Festival in Venedig 2015.(c) Getty Images (Ian Gavan)
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Der Verleumdungsprozess von Johnny Depp und Amber Heard hat so manchem TikTok-User zu Ruhm verholfen. Von Algorithmen und Meinungsmachern.

Schielt man in den U-Bahnen auf die Smartphone-Bildschirme junger Menschen, wird man mit großer Wahrscheinlichkeit Zeuge von Prozessschnipsel rund um den Fall Depp vs. Heard. Längst haben die Mitschnitte des Verfahrens, das seit April läuft, die sozialen Kanäle erobert - ganz vorne mit dabei, das Kurzvideoportal TikTok. Eine in Schottland lebende Frau wurde damit kurzerhand über Nacht zur Influencerin. Das US-Medium „CNN“ hat sich dafür auch gleich ein Kofferwort aus dem Ärmel geschüttelt: DeppTok.

Noch bevor Johnny Depp und Amber Heard vor Gericht aussagten, postete die Schottin Sophie Doggett Alltägliches, Videos ihrer Haustiere etwa. So manchen Menschen mag das bereits zum Erfolg geholfen haben, bei Doggett war der Durchbruch ein anderer. Am 20. April fing sie an, den Prozess auf TikTok zu dokumentieren, aus ihrer Sympathie zu Depp macht sie dabei keinen Hehl. Die Hashtags #JusticeForJohnnyDepp und #JohnnyDeppIsInnocent finden sich bei einem Großteil von Doggetts Videos, wie auch bei einer Menge anderem Material, das in den Sphären von TikTok aktuell herumschwirrt. Der Schauspieler scheint den Großteil der User auf seiner Seite zu haben, nicht zuletzt auch weil er es war, der mit der Beweisführung beginnen durfte. So hat der Hashtag #JusticeForJohnnyDepp aktuell 11,2 Milliarden Aufrufe, #JusticeForAmberHeard hingegen nur 21 Millionen.

Doggetts Videos gingen jedenfalls nach kurzer Zeit - und mehr als einem Video pro Tag - viral. Mehr als fünf Millionen Klicks zählt das Video mittlerweile. Knapp 15 Millionen Klicks haben ihre drei meistgesehenen Beiträge in Summe. Etwa 64.000 Menschen folgen ihrem Kanal inzwischen, vor dem Prozessstart seien es 6668 gewesen, so die Schottin gegenüber „CNN“ - ein Anstieg, der auf großen Sensationshunger hindeutet.

Zahlreiche Realitäten

Und anderen TikTok-Usern geht es ähnlich. Einige konnten ihre Community vervielfachen, mit der neu gewonnenen Reichweite können sie nun beeinflussen, wie der Prozess bei der Masse ankommt. So werden Gesichtsfilter genutzt, um Depp zu verkörpern, sie kombinieren Mitschnitte von Zeugenaussagen mit Filmmaterial aus „Fluch der Karibik“ oder „Chocolat“. Viele kommentieren oder analysieren gar die Aussagen und Reaktionen beider Parteien und geben sich als Körpersprache-Analysten aus. Was hier wahr oder falsch ist, scheint zweitrangig. Gesehen werden will das Material ohnedies, unabhängig von Wahrheitsgehalt und Wissen der Produzierenden.

Der Algorithmus von TikTok jedenfalls versorgt Nutzerinnen und Nutzer akkurat mit jenem Material, das sie zu interessieren scheint - und ihre Meinung widerspiegelt. Darüber wurde bereits mehrfach berichtet, auch hinsichtlich anderer sozialen Medien, etwa Twitter und Facebook. So kreiert jeder Nutzer und jede Nutzerin ihre eigene Realität des Prozesses. Je nach Blase, in der man sich befindet, können Inhalte unterschiedlichst zusammengesetzt und interpretiert werden. Das hat nicht zuletzt die Netflix Doku „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ veranschaulicht.

Einzelnen Personen spielt das in die Karten, sie sind jetzt DeppTok-Influencer und können mit der neu gewonnen Reichweite eventuell schon bald ein Einkommen generieren. Der Prozess soll jedenfalls noch einige Wochen andauern. Wer letzten Endes recht bekommt, scheint fast nebensächlich. Die TikTok-Nutzer hat ihr Urteil offenbar bereits gefällt.

(evdin)