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Randerscheinung

Eis-Genuss als Proseminararbeit

Carolina Frank
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Nach dem ersten Probieren, noch von demonstrativem Lob begleitet, wird es dann auffällig still und das Löffeln recht lustlos.

Beim Eisessen gibt es da ja zwei Typen. Typ 1 kennt seine Lieblingssorten, weiß, ob er die in ein Stanitzel (Tüte zu sagen kommt nicht in die Tüte) oder in einen Becher will. Das ist eine Sache von ein paar ­Sekunden (plus die Wartezeit in der Schlange vor dem Eisgeschäft natürlich). Die ganze vorhandene Energie fließt also in den Eisgenuss. Dann gibt es da Typ 2, und ja, so heikel das ist, in meinem Fall ist es eine Typin, die legt jedes Auf-ein-Eis-Gehen wie eine Proseminar-Arbeit an. Es werden also vor der Bestellung die aufgehängten Eis­listen ausführlichst studiert, am längsten hält frau sich mit Rubriken wie Eis des/r Tages/Woche/Monats oder Spezialsorten auf, die vegane Spalte wird genau analysiert und besonders mit den Doppelnamen-Sorten (Quinoa-93 %-dunkle-Schokolade) geflirtet.

Bis die Entscheidung dann gefallen ist, rinnt Typ 1 sein Eis in großen geschmolzenen Bächen davon, oder er stellt sich schon für die zweite Portion an. Gegen diese Form des Gustierens wäre ja nichts einzuwenden, brächte das Ergebnis Glück und Zufriedenheit. Doch nach dem ersten Probieren, noch von demonstrativem Lob begleitet, wird es dann auffällig still und das Löffeln recht lustlos. Der untrügliche Hinweis auf eine falsche Wahl ist das erste „Magst du kosten?“, das auch durch ein mehrmaliges, sehr ernst gemeintes „Nein, danke“ nicht abzuwenden ist. Danach ist auch schnell klar, warum sich Enthusiasmus nicht so recht einstellen will (die Quinoa-Variante schmeckt recht muffig, ­Ingwer-Minze geht stark in Richtung Badreiniger). Von dort ist es nicht mehr weit zum „Darf ich kosten?“ ­(vorausgeschickt wurden schmachtende Blicke auf meine Mauerblümchen Stracciatella und Erdbeere). ­Ich bin schon gespannt, was ich das nächste Mal ausprobieren muss.

("Die Presse Schaufenster" vom 20.05.2022)