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Kino

"Top Gun: Maverick": Das wurde aus den 80er-Jahr-Männern

Das in Cannes präsentierte Kultfilm-Sequel mit Tom Cruise ist vielleicht einer der letzten Filme über Burschen und ihre Spielzeuge - aber auch einer der schönsten. Ab 26. Mai bei uns im Kino.

Auf keinen Fall darfst du da oben nachdenken: Das war die wichtigste Lektion, die den jungen Rekruten einer Elite-Flugschule im 1980er-Militärfetisch-Klassiker „Top Gun“ eingebläut wurde. Sie ist es auch noch im nun nach dreieinhalb Jahrzehnten startenden Sequel zum damaligen Erfolgsfilm, der seine Europapremiere am Mittwochabend auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes feierte.

Außerhalb des Wettbewerbs natürlich, nebenbei bemerkt, weil sich die Hauptfigur Pete „Maverick“ Mitchell und ihr Darsteller Tom Cruise mit etwas anderem als Platz eins sowieso nicht zufrieden gegeben hätten.

In die Schule gehen, um das Denken zu verlernen – das ist ein nicht ganz unpassendes Bild fürs neuere Hollywoodkino, in dem immer ausgeklügeltere Technik und immer verrückter in die Höhe schießende Budgets nicht zwingend in gründlicher durchdachten Filmen resultieren. Tatsächlich gilt gerade der 1980er-„Top Gun“ heute als ein Musterbeispiel für Style over Substance: quasi ein Musikvideo in Spielfilmlänge, glatt polierte Kampfflieger im pastellfarbenen Gegenlicht, theatrale Jungmachoposen von Piloten, die selbst nicht immer zu wissen scheinen, ob sie sich bei Flugübungen gegenseitig ausstechen oder doch lieber einander an die Wäsche gehen wollen. Der Charme des jungen Tom Cruise zieht auch heute noch, ansonsten funktioniert das beim Wiederanschauen höchstens als eine bizarre Zeitkapsel aus der Spätphase des Kalten Kriegs.

Was für den neuen Film keineswegs ein Nachteil ist. Anders als diverse Neuauflagen populärer Klassiker der letzten Zeit, von „Ghostbusters“ bis „Scream“, läuft „Top Gun: Maverick“ nie Gefahr, vom Mythos der Vorlage erdrückt zu werden. Immerhin die legendäre Beachvolleyballszene wird hier leicht abgewandelt wieder aufgegriffen; diesmal dürfen die Fliegerasse ihre Sixpacks beim Football-Spielen in Szene setzen. Ansonsten bleibt vom teils deutlich homoerotisch aufgeladenen Camp-Appeal des 1980er-„Top-Gun“ nicht viel übrig in einem Film, der vom Vorgänger lediglich ein paar Schlüsselreize übernimmt und schnell eine eigene Tonlage findet: ernsthafter, emotionaler, vielleicht sogar nachdenklicher, jedenfalls introspektiver – Letzteres freilich nur, solange die Flieger auf dem Boden bleiben.

Das Sequel war eine halbe Ewigkeit in Arbeit. Tony Scott, Regisseur des ersten Films, war mit den Planungen weit fortgeschritten, bevor er sich 2012 das Leben nahm. Schließlich landete das umgekrempelte Projekt beim Cruise-Kumpel Joseph Kosinski, gedreht wurde 2018, die Pandemie verzögerte den Start mehrmals. Glücklicherweise sieht man dem Ergebnis seine schwierige Vorgeschichte nicht an: „Top Gun: Maverick“ ist ein Film aus einem Guss, ein Blockbuster von erstaunlicher Eleganz und von einer Wucht, wie man ihr nicht mehr allzu oft begegnet im Kino der Gegenwart.

Der Weltfrieden steht auf dem Spiel

Die Neuauflage ist komplett auf Cruise zugeschnitten. Um weiter im Cockpit bleiben zu können, hat sich Maverick Mitchell zwischen den Filmen geweigert, am Schreibtisch Karriere zu machen. Dennoch soll er, als er von seinem Bekannten „Iceman“ Kazansky gerufen wird, die neuen Piloten zunächst lediglich als Ausbilder unterstützen, in Vorbereitung auf eine hochriskante Geheimmission – der Weltfrieden steht auf dem Spiel.

Viel konkreter wird es an dieser Stelle nicht. Wie schon im ersten Film bleibt auch in „Top Gun: Maverick“ der Gegner anonym. Eine Militärbasis im Nirgendwo, hinter schneebedeckten Bergen, die, wenn der Film im phänomenalen letzten Akt ernst macht, kaum weniger abstrakt wirken als die Computersimulationen, mit deren Hilfe sich die Piloten vorher auf den Einsatz vorbereitet haben. Aber das passt gut zu einem Film, der nicht in der realen Welt angesiedelt scheint, sondern in einer Sphäre des reinen Kinos, in der der drohende Dritte Weltkrieg von Anfang an nicht mehr ist als der Nachhall einer vergangenen – und vielleicht gleichzeitig der Beginn einer neuen – Männerfreundschaft.

Konkreter geht es um den Konflikt zwischen Mitchell und dem Pilotenschüler „Rooster“ Bradshaw, Sohn seines verstorbenen Kopiloten „Goose“ aus dem ersten Film. Dieser junge Rekrut, der gegen Maverick einen aus der Vergangenheit rührenden Groll hegt, wird von Miles Teller gespielt, dessen nervöse Energie und untergründige Aggressivität die souverän in sich selbst ruhende Cruise-Performance perfekt ergänzen. Eine Geschichte vom verlorenen Sohn ist das, in der eine Vatermorddrohung mitschwingt. Jennifer Connelly als Cruises neues love interest hat es daneben schwer, Eindruck zu hinterlassen. Und obwohl diesmal zwei Frauen mit ins Cockpit steigen dürfen: „Top Gun: Maverick“ ist in erster Linie ein Film über Burschen und ihre Spielzeuge. Einer der letzten seiner Art vielleicht, aber auch einer der schönsten seit Langem.