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Ukraine-Krieg

Moskau: 959 Soldaten aus Asow-Stahlwerk haben sich ergeben

In Bussen werden ukrainische Streitkräfte aus dem umkämpften Stahlwerk gebracht. Kiew hofft auf einen späteren Austausch gegen russische Kriegsgefangene. Das russische Militär ließ einen solchen Schritt zunächst offen.
In Bussen werden ukrainische Streitkräfte aus dem umkämpften Stahlwerk gebracht. Kiew hofft auf einen späteren Austausch gegen russische Kriegsgefangene. Das russische Militär ließ einen solchen Schritt zunächst offen.(c) REUTERS (ALEXANDER ERMOCHENKO)
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In den vergangenen 24 Stunden sollen sich 694 Soldaten ergeben haben, die sich seit Wochen im umkämpften Stahlwerk in Mariupol verschanzt haben. Die pro-russischen Separatisten wollen, dass sie vor Gericht gestellt werden.

In der ukrainischen Hafenstadt Mariupol haben sich russischen Angaben zufolge seit Wochenbeginn 959 ukrainische Kämpfer aus dem belagerten Stahlwerk Asowstal ergeben. Unter ihnen seien 80 Verletzte, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Mittwoch laut Agentur Interfax mit. Allein in den vergangenen 24 Stunden seien es 694 gewesen. Die pro-russischen Separatisten erklärten unterdessen, dass die ukrainischen Soldaten vor Gericht gestellt werden sollen.

Ein Gericht werde über das Schicksal dieser Kämpfer entscheiden, sagt der Anführer der selbst ernannten Volksrepublik Donezk, Denis Puschilin, laut einem lokalen Medienunternehmen. Die führenden Kommandanten der ukrainischen Einheiten dort hätten noch nicht kapituliert und befänden sich noch immer in dem Fabrikgelände, sagt er der Nachrichtenagentur DAN. Am Dienstag waren auch in Russland Forderungen nach einem Gerichtsverfahren und sogar der Todesstrafe laut geworden. Kiew hofft hingegen auf einen späteren Austausch gegen russische Kriegsgefangene, das russische Militär ließ einen solchen Schritt zunächst offen.

Wie viele Kämpfer sich aktuell noch auf dem weitläufigen Werksgelände aufhalten, war unterdessen unklar. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge sollen es vor Beginn der Evakuierungsmission zwischen 1000 und 2500 gewesen sein. Die letzten Zivilisten waren bereits vor rund eineinhalb Wochen mit internationaler Hilfe in Sicherheit gebracht worden.

Russlands Truppen hatten Mariupol bereits kurz nach Beginn des Angriffskriegs Anfang März zusammen mit pro-russischen Separatisten belagert und innerhalb einiger Wochen fast komplett erobert. Die ukrainischen Kämpfer im Stahlwerk Asowstal wurden zu den letzten Verteidigern der strategisch wichtigen Stadt am Asowschen Meer.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij hatte in der Nacht auf Mittwoch in einer Videobotschaft gesagt, in die Anstrengungen zu ihrer Rettung seien einflussreiche internationale Vermittler eingeschaltet. Die gut 260 Soldaten, die das Asowstal-Werk in der Nacht auf Dienstag verließen, begaben sich in russische Gefangenschaft.

Russische Grenzstadt unter Beschuss?

Der Gouverneur der westrussischen Region Belgorod hat der Ukraine erneut den Beschuss einer Ortschaft unweit der Grenze vorgeworfen. Dabei sei ein junger Mann verletzt worden, teilte Wjatscheslaw Gladkow am Mittwoch auf seinem Telegram-Kanal mit. Der Mann werde medizinisch behandelt, sei aber nicht in Lebensgefahr. Gladkows Aussagen zufolge wurden zudem sechs Wohnhäuser, ein Auto und eine Starkstromleitung beschädigt.

Der Ort Solochi liegt etwa zehn Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt. In der vergangenen Woche wurde Solochi nach russischen Angaben schon einmal beschossen. Damals kam bei dem Angriff demnach ein 18-jähriger Mann ums Leben, sieben weitere Menschen wurden verletzt.

Russland, das am 24. Februar einen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, beklagt seit Wochen immer wieder ukrainische Angriffe auf eigenes Staatsgebiet. Der spektakulärste Fall ereignete sich in der Großstadt Belgorod Anfang April, als Öldepots aus Hubschraubern beschossen worden sein sollen und ein Brand ausbrach. Die russischen Behörden leiteten daraufhin ein Verfahren wegen eines Terroranschlags ein. Die Ukraine bestätigte eine Beteiligung allerdings nie.

London ortet „erhebliche Ressourcenprobleme“ bei russischer Armee

Die russischen Streitkräfte haben britischen Erkenntnissen zufolge bei ihrem Krieg gegen die Ukraine erhebliche Probleme beim Nachschub und der Truppenverstärkung. So müsse Russland viele Hilfstruppen einsetzen, um den ukrainischen Widerstand zu brechen, darunter Tausende Kämpfer aus der autonomen Teilrepublik Tschetschenien, teilte das Verteidigungsministerium in London am Mittwoch mit. "Der Kampfeinsatz so unterschiedlichen Personals zeigt die erheblichen Ressourcenprobleme Russlands in der Ukraine und trägt wahrscheinlich zu einem uneinheitlichen Kommando bei, das die russischen Operationen weiterhin behindert."

Obwohl russische Truppen die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol mehr als zehn Wochen eingekreist hatten, habe heftiger ukrainischer Widerstand eine vollständige russische Kontrolle verhindert. Dies habe zu Frust und hohen Verlusten der russischen Streitkräfte geführt, hieß es unter Berufung auf Geheimdienstinformationen.

Die tschetschenischen Kräfte würden vornehmlich um die umkämpfte Hafenstadt Mariupol sowie im ostukrainischen Gebiet Luhansk eingesetzt. Sie bestünden wahrscheinlich sowohl aus Freiwilligen als auch aus Einheiten der Nationalgarde, die ansonsten zum Schutz der Herrschaft des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow dienen.

Angriffe auf Lwiw

In der Westukraine an der Grenze zu Polen berichtete der Bürgermeister von Lwiw (Lemberg), Andrij Sadowyj, von ständigem Beschuss mit russischen Raketen. In der Stadt gebe es sehr viele internationale Organisationen, die dadurch verunsichert werden sollten, sagte Sadowyj im ukrainischen Fernsehen, wie die Agentur Unian am Mittwoch meldete.

Russland habe es in Lwiw nicht nur auf militärische Infrastruktur abgesehen, sondern wolle durch den Beschuss permanente Anspannung auslösen, sagte Sadowyj. "Aber wenn man rechtzeitig auf den Luftalarm reagiert und in den Schutzbunker geht, dann ist es ungefährlich." Die Altstadt von Lwiw gehört zum Welterbe der Unesco.

Die Menschen hätten am Stadtrand die Raketen sehen und sehr laute Explosionen hören können, sagte der Bürgermeister. Schäden in Lwiw selbst habe es aber nicht gegeben. Die Menschen hätten aber praktisch die ganze Nacht auf Dienstag in Luftschutzbunkern verbringen müssen. Im Gebiet Jaworiw in der Nähe von Lwiw sei ein Stück Bahninfrastruktur durch Raketentrümmer beschädigt worden. Der Bürgermeister sagte, dies alles passiere nur wenige Kilometer von der Grenze zum EU-Land Polen entfernt.

Ukrainischer Widerstand und Gegenoffensive

Russland hatte Ende Februar mit Angriffen auf das ganze Land und insbesondere die Hauptstadtregion Kiew versucht, die Ukraine komplett zu unterwerfen. Nach dem Scheitern dieses Unterfangens zogen sich die Invasionstruppen zurück und konzentrierten sich auf den Osten und Süden des Landes, konkret die Gebiete rund um die bereits im Jahr 2014 annektierte Halbinsel Krim sowie die Separatistenregionen Luhansk und Donezk.

In den vergangenen Tagen wurden die Truppen auch im Gebiet der zweitgrößten Stadt des Landes, Charkiw, zurückgedrängt. Dort soll es der ukrainischen Armee auch gelungen sein, bis an die Staatsgrenze zu Russland vorzustoßen.

(APA/dpa/Reuters)