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Von aufschlussreichen Gesprächen im Taxi

Für lehrreiche Konversationen wäre auf dem Weg zum Flughafen genug Zeit.
Für lehrreiche Konversationen wäre auf dem Weg zum Flughafen genug Zeit.Unsplash/Lexi Anderson
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Auf dem Weg zum Flughafen erklärt mir der Taxifahrer, dass Gorbatschow an allem schuld ist.

Es ist knapp nach vier Uhr früh. Ich bin wieder einmal nach Wien-Schwechat unterwegs. Der Taxifahrer heißt Turgut. Er fragt mich nach der Abflugzeit. Er merkt an, das würde ganz schön knapp werden. Ich merke an, dass Turgut 15 Minuten später als vereinbart kam und dass es frühmorgens nie knapp wird. Turgut merkt an, dass er regelmäßig in Nachtstaus komme. Laut Turgut putzen sie in der Nacht die Autobahn nach Unfällen.

Letzte Woche sei er um drei Uhr morgens in einem schrecklichen Stau gesteckt – kurz, auf dieser Strecke sei alles möglich. Nach meiner Person erkundigt sich Turgut nicht weiter, lieber erzählt er selbst. Er sei aus der Südosttürkei und seit 1986 in Wien, zuerst als Lieferant mit Last­wagen, ein furchtbarer Job, aber verantwortungsvoll, man müsse die Ware ­kontrollieren, denn kaputte oder verdorbene Ware werde nicht angenommen. Nach ein paar Jahren habe er es satt gehabt, der Schuldige zu sein für die kaputte oder verdorbene Ware anderer. Danach: Taxifahrer.

Seit den Achtzigern habe sich die Arbeitswelt stark verändert. Immer mehr Billigarbeiter seien nach Österreich gekommen, viele von ihnen total unqualifiziert. Turgut hält die Erweiterung der EU für einen schweren Fehler. All die Leute aus Bulgarien oder Rumänien hätten die Löhne stark gedrückt, sie würden einfach für viel weniger Geld arbeiten. Turgut verweist auf Familientragödien – die zurückgebliebenen Ehefrauen der Taxifahrer aus dem Osten seien inzwischen großteils mit ihren Briefträgern verheiratet.

Nicht ohne Empathie spricht Turgut über die neu hinzukommenden Ukrainer, doch auch diese würden die Löhne weiter drücken. Das Übel habe ursächlich mit dem Zerfall der Sowjetunion zu tun. Die Russen hätten den Zerfall ihres Reiches nicht ertragen – sie liefen wie eine enttäuschte Liebhaberin dem einstigen Zustand nach. Der Gorbatschow, klagt Turgut, sei schuld. Der Gorbatschow hätte zwanzig Jahre länger durchhalten müssen, sagt Turgut, das wäre für seine Karriere ideal gewesen. Stau hatten wir aber keinen, sage ich beim Aussteigen. Das sei nur so, weil ich Glück gehabt hätte, sagt Turgut. 

("Die Presse Schaufenster" vom 13.05.2022)