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Pizzicato

Schon wieder dieses hohle Z-Wort!

Cleaners abseil down one of the faces of Big Ben, to clean and polish the clock face, above the Houses of Parliament, in central London
Die Zeit läuft mit oder ohne uns, schreibt nix vor und fällt keine Urteile. Nur auf Uhren muss man schauen. (Bild: Putztrupp auf Big Ben in London).REUTERS
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Über eine doofe, rechthaberische Sozialmechaniker- und Vorschreibelust-Floskel, derer sich bedient, wem's grad passt.

Dass es von Gesundheitsminister Johannes Rauch kam, ist ja kein Wunder: Der Ländle-Grüne, zuständig auch für Tierschutz, hat kürzlich öffentlich über ein Verbot der Wiener Fiaker sinniert. Er sei sich nicht sicher, ob Pferdekutschen in Städten noch „zeitgemäß“ seien.

Aaah, schon wieder! Nein, es geht hier nicht um die Fiakerfrage, sondern um die doofe Modephrase „zeitgemäß", die insinuiert, dass die Zeit selbst etwas erzwingen oder weghaben will, dass sie das Sein und Sollen diktiert. Dass etwas zu einer bestimmten Zeit (typischerweise im Jetzt) so oder so sein muss oder nicht, weil es eben so oder so sein muss oder nicht.

Dabei sind der Zeit die Dinge doch herzlich egal. Zeit ist, war und wird sein, und das auch ganz ohne uns. Und was heißt denn bitte schon zeitgemäß? Gibt's da etwa eine Altersgrenze? Sind Zeitungen aus Papier und CDs noch zeitgemäß? Mozart, Elvis, Falco, Rembrandt, Dürer, Kokoschka? Dass Leute wieder 70er-Jahre-Riesenbrillen und 80er-Jeans tragen, Ski statt Snowboard fahren? Ist Fleischessen zeitgemäß, wenn's auch Sojasteak tut? Kirchenbesuch, Tiroler Schützen, Sonnwendfeuer, Feuerwerk? Werte wie Anstand, Mut, Wehrhaftigkeit? Die Ehe? Das Gedenken an historische Ereignisse, die heute niemand oder kaum noch jemand erlebt hat? Heikle Sache!

Dabei ist's ja eigentlich so: In dieses hohle Wort lässt sich vieles beliebig packen, dem man aus Ideologie oder sonstiger Denkwillkür die Aura des objektiv Richtigen oder Falschen umhängen will. Oft sind es Inhalte aus dem Diskurs-Sesselkreis des Guten und politisch Korrekten. So wird „zeitgemäß" zur beliebigen rechthaberischen Sozialmechaniker- und Vorschreibelustfloskel, derer sich bedient, wem's grad passt. Eigentlich ein Unwort. Sachlich argumentieren geht anders. (wg)

Reaktionen an: wolfgang.greber@diepresse.com