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Die Ich-Pleite

Plötzlich nicht mehr „Single“

Carolina Frank
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Weil es bequemer ist, besiedelt man nach ein paar Wochen ein Regalbrett in ­seinem Schrank. Und nach ein paar Monaten sagt man sich: Warum sollen wir eigentlich doppelt Miete zahlen?

Der Frühling ist eine gefährliche Zeit. Die Sonne, die Wärme und das Vogelgezwitscher lassen sogar den glücklichsten Single an eine Dating-Plattform denken. Weil ein bisschen schauen, sagt man sich, kostet ja nichts. Einen kleinen Chat mit diesem oder jenem kann man sogar neben der Lieblingsserie laufen lassen. ­

Auch wenn man Telefonnummern ­austauscht, muss das noch nicht viel ­heißen. Aber die Erfahrung sagt: Wenn man einmal eine Telefonnummer hat, will man die Nummer auch irgendwann anrufen. Und wenn man telefoniert, will man sich irgendwann sehen. Das liegt einerseits daran, dass sich der Mensch nicht mit dem zufriedengeben kann, was er hat, andererseits ist vielleicht gerade Wochenende, und keine Freundin hat Zeit für einen. Außerdem ist man sowieso nur mäßig interessiert.

Allerdings wäre die Menschheit vermutlich schon ausgestorben, wenn nur die zusammengekommen wären, die sich auf Anhieb unsterblich in­­einander verliebt haben. Es reicht oft, dass man am Abend noch nichts vorhat, und schon sagt man: „Gehen wir zu mir oder zu dir?“ Aber auch nach der ersten Nacht muss man noch nicht unbedingt die berühmten Schmetterlinge im Bauch spüren. Manchmal spürt man nur Hunger. Und es beschäftigt einen nicht, ob man den Mann fürs Leben gefunden, sondern nur, ob er ein glutenfreies Müsli im Haus hat.

Trotzdem sieht man sich nach ein paar Tagen wieder. Und weil es bequemer ist, besiedelt man nach ein paar Wochen ein Regalbrett in ­seinem Schrank. Und nach ein paar Monaten sagt man sich: Warum sollen wir eigentlich doppelt Miete zahlen? Dann ist man nicht mehr „Single“. Aber einsamer als vorher. Das jedenfalls behaupten Studien. Es sei denn, man ist ein Mann. Dann verhält es sich angeblich umgekehrt. 

("Die Presse Schaufenster" vom 13.05.2022)