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Wahlpflicht für 17 Millionen

Australien wählt neues Parlament: Regierungschef Morrison laut Hochrechnungen abgewählt

Schlange vor einem Wahllokal in Melbourne
Schlange vor einem Wahllokal in MelbourneAPA/AFP/WILLIAM WEST
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Die Stimmenauszählung bei der Parlamentswahl in Australien hat begonnen. Mehr als 17 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, über alle 151 Sitze im Unterhaus und die Hälfte der 78 Sitze im Senat zu entscheiden.

Bei der Parlamentswahl in Australien dürfte der konservative Regierungschef Scott Morrison Hochrechnungen zufolge eine Niederlage erlitten haben. Gewinner der Abstimmung am Samstag ist laut den Hochrechnungen sein Herausforderer Anthony Albanese von der oppositionellen Labor-Partei. Der 59-Jährige hatte unter anderem mit Klima-Themen Wahlkampf gemacht und Maßnahmen angekündigt, um den unter der Inflation leidenden Menschen zu helfen.

Nach Zahlen des Senders ABC und anderer Medien habe Labor die Parlamentswahl in Australien gewonnen. Labor werde mindestens eine Minderheitsregierung bilden können, möglicherweise werde es auch für eine Mehrheitsregierung reichen, hieß es am Samstagabend (Ortszeit).

Damit wird Albanese aller Voraussicht nach der 31. Premierminister des Landes. Der 59-Jährige war in der Vergangenheit bereits einmal Vize-Premier. Er ist seit 2019 Labor-Chef.

Den vorläufigen Berechnungen zufolge kann die Partei mit mindestens 71 Sitzen im Unterhaus rechnen. Die Mehrheit liegt bei 76 Sitzen. Die rechtskonservative Koalition unter Premierminister Scott Morrison lag zunächst nur bei 49 Sitzen und kann keine Mehrheit mehr erreichen. Labor war in Australien seit fast zehn Jahren nicht mehr an der Macht.

Klimakrise auf der Agenda

Beide Kandidaten reisten während des sechswöchigen Wahlkampfs kreuz und quer durch den fünften Kontinent, um Wählerstimmen zu gewinnen. Dabei machten sie einander schwere Vorwürfe. Wichtigstes Thema war die Wirtschaftslage. Speziell geht es um die Frage höherer Löhne, die Labor verspricht.

Viele Australier betrachten auch die Klimakrise als enormes Problem - vor allem nach den jüngsten verheerenden Überschwemmungen an der Ostküste. Das Land leidet seit Jahren unter Dürren und zerstörerischen Buschbränden, unter Korallenbleichen und Baumsterben. Der konservative Premier Morrison ist ein Unterstützer der einflussreichen Kohleindustrie, und viele Mitglieder der Liberalen gelten als Leugner des Klimawandels. Die Corona-Pandemie kam hingegen nur am Rande als Wahlkampfthema vor - obwohl die Fallzahlen weiter hoch sind und das Land am Freitag mehr als 50.000 Neuinfektionen verzeichnete.

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Der bisherige Oppositionsführer, Anthony Albanese.APA/AFP/WENDELL TEODORO

"Wir brauchen unbedingt einen politischen Richtungswechsel hin zu einer Verbesserung der Reallöhne, sofortigen und direkten Klimaschutzmaßnahmen und einer humaneren Flüchtlingspolitik", sagte der IT-Berater Jeff Scicluna aus Melbourne vor der Stimmabgabe. Der 55-Jährige wollte sein Kreuz deshalb bei Labor machen. "Eine Labor-Regierung würde mein Vertrauen in Australien als eine Gesellschaft, in der ich leben möchte, erheblich stärken."

Ganz anders sieht das Mark Westfield, Wahlkampfhelfer der Liberalen in Manly, einem Vorort von Sydney: "Morrison muss man hoch anrechnen, wie gut Australien wirtschaftlich dasteht - wir haben die niedrigste Arbeitslosenquote seit Jahrzehnten. Viel mehr kann eine Regierung nicht leisten."

Der amtierende Premierminister hat bereits seine Stimme abgegeen.
Der amtierende Premierminister hat bereits seine Stimme abgegeen.APA/AFP/SAEED KHAN

Morrison und Albanese gaben ihre Stimme am Vormittag (Ortszeit) in Vororten von Sydney ab. In der größten Stadt Australiens bildeten sich schon am Morgen Schlangen vor den Wahllokalen. Die großen Parteien hatten dort noch einmal Plakate aufgestellt. Wahlkampfhelfer verteilten vor den Türen Flugblätter, um unentschiedene Wähler in letzter Minute für sich zu gewinnen.

„Democracy Sausages“ vor den Wahllokalen

Eine Besonderheit bei australischen Wahlen sind die sogenannten Demokratie-Würstchen (Democracy Sausages). Traditionell steht vor vielen Wahllokalen ein Grill, an dem sich die Bürger mit einer Art Hot Dog (Knackwurst im weichen Brötchen mit Senf und Ketchup) stärken können. "Happy Democracy Sausage Day!", hieß es denn auch im australischen Frühstücksfernsehen. Mittlerweile gibt es zudem vegetarische Alternativen und Stände mit Kaffee und Kuchen. "Wo diese Tradition herkommt, weiß ich gar nicht. Das wurde immer schon gemacht, solange ich denken kann", sagte ein freiwilliger Helfer hinter einem Grill in Sydneys Kerry Street.

Traditionell gibt es vor vielen Wahllokalen "Democracy Sausages"
Traditionell gibt es vor vielen Wahllokalen "Democracy Sausages"(c) Getty Images (Naomi Rahim)

Während die Würstchen eine feste Institution sind, ist es der Name des Herausforderers nicht. Mit Spitznamen wird Anthony Albanese kurz "Albo" genannt (und Scott Morrison dementsprechend "ScoMo"). Aber die Aussprache seines Nachnamens variiert seit Jahren - auch bei dem Politiker selbst. Früher nannte er sich meist "Albaniis", später ging er - passend zum italienischen Ursprung des Namens - zu "Albanesii" über. In einem Interview erklärte er einmal, "Albo" sei wohl am einfachsten.

Wahlpflicht für 17 Millionen Menschen

Mehr als 17 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, über alle 151 Sitze im Unterhaus und die Hälfte der 78 Sitze im Senat zu entscheiden. Es herrscht Wahlpflicht. Berichten zufolge hat etwa die Hälfte der Australier schon im Vorfeld entweder per Briefwahl oder per frühzeitiger Stimmabgabe gewählt. Schon vergangene Woche hatten Hunderte Wahllokale für diejenigen geöffnet, die am Wahltag selbst verhindert sind. Wer positiv auf das Coronavirus getestet wurde, konnte per Telefon seine Stimme abgeben.

(APA/dpa)

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