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Wort der Woche

Pflanzen in der Stadt

Stadtböden sind für Pflanzen sehr herausfordernde Lebensräume. Und dennoch gelten sie als Hotspots der Biodiversität.

Für Pflanzen sind unsere Städte ein hartes Pflaster. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Stadtböden unterscheiden sich völlig von jenen ungestörten Böden, die es einst an dieser Stelle gab: Sie sind meist stark verdichtet, weisen keine natürlich entstandene Schichtung von Bodenhorizonten auf, enthalten viele fremde Materialien (Bauschutt, Müll etc.) und ein Übermaß an Schad- und Nährstoffen.

In der Bodenforschung unterscheidet man zwei Typen von Stadtböden: „Anthrosole“ – das sind vom Menschen stark beeinflusste Böden, in denen sich z. B. durch langdauernde Nutzung als Gärten sehr viel organische Substanz angesammelt hat. Und „Technosole“ – vom Menschen gemachte Böden, die großteils aus Materialien bestehen, die von Natur aus dort nicht vorkommen würden. Stadtböden können sehr mächtig sein: Im Bereich der Wiener Ringstraße liegen stellenweise zwölf Meter Bauschutt, wie jüngst das Forschungsprojekt „The Anthropocene Surge“ zeigte, in dem anhand von Bohrungen und Grabungen ein 3-D-Modell des Wiener Untergrunds erstellt wurde.

Wie aus der eben veröffentlichten Studie „Die Grüne Stadt aus forstlicher Sicht“ des Bundesforschungszentrums für Wald (BWF), der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hervorgeht, werden Straßenbäume auf diesem Untergrund oft nur 40, 50 Jahre alt – ein Bruchteil des Alters, das sie erreichen könnten. Dass die Vitalität der Pflanzen so stark eingeschränkt ist, gründet auf dem Zusammenspiel vieler Stressfaktoren: Neben der Bodenverdichtung zählen dazu u. a. ein eingeschränkter Wurzelraum, Trockenheit, Umweltbelastungen durch Verkehr und Chemikalien, mechanische Beschädigungen (etwa Parkschäden), Streusalz oder Hundeurin. Von Letzterem sind v. a. Straßen- und Alleebäume, aber auch Bäume in Stadtparks stark betroffen – diese werden zwar dadurch gedüngt, werden aber auch anfälliger gegenüber Schaderregern und bilden überdies weniger Symbiosen mit Pilzen aus, wodurch die Wasserversorgung der Bäume reduziert ist.

Und dennoch gelten Stadtböden als Hotspots der Biodiversität: Die große Vielfalt an Bodentypen auf engstem Raum mit ihren unterschiedlichen (oft auch extremen) Eigenschaften, das wärmere Stadtklima und die Vielzahl eingeschleppter, nicht heimischer Arten bewirken eine ungeahnte Biodiversität. So findet sich in Privatgärten die größte Dichte (Abundanz) von Bodenfauna, in Stadtparks die größte Vielfalt.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

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