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Morgenglosse

Ein Anti-Lawrow mit Zivilcourage

Freier Sitz Russlands beim UN-Menschenrechtsrat in Genf.REUTERS
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In einem Protestakt gegen den Ukraine-Krieg hat ein russischer UN-Diplomat in Genf seinen Job gekündigt. Für die Außensicht auf Russland ist dies bedeutsamer als für den Widerstand im Land.

Boris Bondarew zählte zum Heer der gesichtslosen russischen Diplomaten, die an der UNO in Genf ihrem Job nachgehen – bis er am Montagmorgen, wie stets zu Wochenbeginn, in die Botschaft ging. Statt sich an die Arbeit zu machen und sich mit Fragen der Rüstungskontrolle zu beschäftigen, überreichte er indessen sein Rücktrittsschreiben – und verließ die Botschaft und auch den Diplomatischen Dienst nach 20 Jahren.

In scharfem Kontrast zu Sergej Lawrow, seinem Ex-Chef und Chefzyniker, schrieb er in Anspielung auf den Überfall Russlands auf die Ukraine, sich „nie so sehr für mein Land geschämt zu haben wie am 24. Februar“. Die Invasion sei „ein Verbrechen nicht nur gegen das ukrainische Volk, sondern auch das schwerste Verbrechen gegen das russische Volk“. Der Buchstabe Z, der diesen Angriffskrieg symbolisiert, zerstöre „alle Hoffnungen und Aussichten für eine florierende freie Gesellschaft in unserem Land“. Es sei besser, den Mund zu halten, hatten ihm seine Vorgesetzten in Genf bedeutet, als er seine Meinung vorerst intern kundgetan hatte.

Chapeau!

Seine internationalen Kolleginnen und Kollegen werden das nun mehrheitlich wohl so kommentiert haben: Touché und Chapeau! Respekt für die auf den Punkt gebrachte Kritik. Endlich traut sich einer, die Dinge beim Namen zu nennen und den Krieg als das zu benennen, was er ist: „eine blutigen, sinn- und absolut nutzlose Schande“. Es ist ein rarer Akt der Zivilcourage in der russischen Elite. Nur vereinzelt hat sich bisher der Unmut im Establishment geregt – in den Medien, der Wirtschaft oder der Diplomatie.

Nicht, dass dies in Moskau oder St. Petersburg eine breite Protestwelle auslösen würde. Die Protestaktion eines Einzelnen werden die Staatsmedien in Russland totschweigen. Obwohl manches in Bewegung geriete, wenn sich Fälle wie jener Bondarews häufen würden. Für die Außensicht auf Russland hat der Protestakt vermutlich zunächst größere Signalwirkung: Es gibt nicht nur Jasager und Mitläufer in der russischen Gesellschaft – und womöglich haben nicht alle Kriegs- und Regimegegner das Land verlassen, wie sich jüngst bei einem Konzert in St. Petersburg gezeigt hat.