Undercoached and overbrained? Von Unis, Wölfen und Managern

Die Unis müssen daran arbeiten, die Freiräume der Autonomie zu nutzen. Von der Wirtschaft können sie sich manches abschauen.

Richtig, die Unis werden finanziell ausgetrocknet – und das in einer Zeit steigender Studierendenzahlen, einer Zeit, da der Bildungsgrad schon längst zum wichtigsten Standortfaktor geworden ist. Aber die Universitäten müssen auch intern daran arbeiten, die Freiräume der Autonomie, kreativ zu nutzen.

Die Wirtschaft kann dabei nur bedingt als Vorbild fungieren. Denn außer Absolventen, die gründlich mit der wissenschaftlichen Denkweise sozialisiert wurden, sowie Grundlagenwissen und Impact-Punkte haben Universitäten im Grunde kaum etwas zu „produzieren“. Abschauen könnte man sich von der Wirtschaft aber allemal ihren mehr oder weniger ernsthaften Fokus auf die soziale Kompetenz der Manager. Denn dort hat es sich längst durchgesprochen, dass emotionaler und sozialer Analphabetismus Arbeitsklima und damit Konkurrenzfähigkeit schädigen.

Daher blüht das Geschäft der Coaching-Unternehmen, die von vielen Betrieben heftig in Anspruch genommen werden, um sicherzustellen, dass die innerbetriebliche Teamarbeit und die Motivation der Mitarbeiter klappen. Letztere sind von den Coachings zwar manchmal genervt, und die Seminarinhalte mögen gelegentlich die menschliche Intelligenz beleidigen. Aber immerhin ist man dadurch gezwungen, sich in strukturierter Form mit sich selbst und mit der Arbeitssituation zu befassen.

Gute Universitätsprofessoren dagegen beschäftigen sich mit der wissenschaftlichen Sache und deren Finanzierung. Das müssen sie auch. Auf der Strecke bleiben aber allzu oft die Soft Skills. Immer noch genügt man sich in den gewohnten Strukturen.

Selbst das kommunikative „Cafeteria-Modell“ wissenschaftlicher Arbeit, etwa von Kollegen Penninger eloquent propagiert, ist nicht die Regel. Schon klar: Zwangscoachings kann es an den Unis nicht geben. Denn die Freiheit von Lehre und Wissenschaft bedingt letztlich auch die Freiheit der Protagonisten, sich für ihren persönlichen Führungsstil zu entscheiden, unabhängig von dessen Konsequenzen für Effizienz und kreative Produktivität.

Genau dieser Umstand aber gibt dem Verfahren zur Neuberufung von Professoren höchste Bedeutung. Denn da passiert immer wieder derselbe Fehler. So wurden gerade zwei wissenschaftliche Strahlemänner für eine Professur erstgereiht, von denen eigentlich klar war, dass sie gar nicht kommen wollen. Die drittgereihte Frau verfügte nicht nur nachweislich über soziale Kompetenz, sondern hätte auch fachlich gut ins Umfeld gepasst. Die Erstgereihten sagten ab, die Professur wurde eingezogen. Keine strategische Glanzleistung und exakt das Gegenteil von dem, was in jedem vernünftigen Unternehmen passiert wäre.

Vielleicht sollten universitäre Berufungskommissionen paritätisch auch mit Wölfen besetzt werden. Jedenfalls zeigen erste Erfahrungen mit einem Seminar, das von den „Management Pilots“ in Kooperation mit dem Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn veranstaltet wird, dass direkter Wolfkontakt Manager kommunikativer macht und ihnen direktes Feedback zu ihrer Außenwirkung geben kann. Alternativ dazu könnte man sich an den Unis schlicht der eigenen Ressourcen bedienen.

An Brainpower mangelt es ja sicher nicht – und an der emotionalen Intelligenz kann und soll gearbeitet werden.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2010)