Das Hormon, das sowohl Wehen einleitet und den Milchfluss fördert, das zur Partnerbindung und zum Vertrauen zwischen Geschäftsleuten beiträgt, beeinflusst auch, wie man sich an seine früheste Kindheit erinnert.
Bindungsfähig oder bindungsunfähig sei eine(r), leide gar an Bindungsangst: Kaum ein (hobby-)psychologischer Disput kommt heute ohne das Wort „Bindung“ aus. Der englische Kinderarzt John Bowlby hat es eingeführt: In seinem Buch „The nature of the child's tie to his mother“ (1958) postulierte er, dass es ein biologisch angelegtes System gibt, auf das die enge Beziehung zwischen Mutter und Kind aufbaut. Feministinnen bestehen wohl zu Recht darauf, dass eine solche Beziehung nicht nur zur Mutter, sondern auch zu anderen Personen aufgebaut werden kann, die sich ums Baby kümmern; in den meisten Fällen ist es freilich bis heute die Mutter.
Doch wie könnte die neurologische, wie die biochemische Basis dieser Bindung aussehen? Ein Hormon fällt wohl allen an Biochemie Interessierten dazu ein: Oxytokin, ein Peptid aus nur neun Aminosäuren, das im Hypothalamus, dem Steuerzentrum im Zwischenhirn, gebildet wird. Von dort geht es in den Blutkreislauf oder direkt ins Hirn, je nachdem.
Das Aufgabengebiet dieses Hormons reicht von basalen körperlichen bis zu „edlen“ seelischen Vorgängen. Der Name kommt von den altgriechischen Wörtern „okys“ (schnell) und „tokos“ (Geburt): Es löst bei der Geburt die Kontraktionen der Gebärmutter aus, es wird auch in der Klinik verwendet, um die Wehen zu fördern. Später bewirkt es, dass die Milch „einschießt“ – und dass die Mutter sich beim Stillen wohlfühlt.
Wirkt auch bei Liebespaaren
„Hormon der Mutterliebe“ nennen es manche Forscher, „Hormon der Treue“ andere. Denn es beeinflusst nicht nur die Bindung von Müttern an ihre Babys, sondern auch jene zwischen Liebespartnern. Manche Biologen glauben, dass die Paarbindung den biochemischen Mechanismus der Mutter-Kind-Bindung quasi gekapert habe, das könne auch die erotische Rolle der Brüste teilweise erklären. Auch beim Orgasmus werden hohe Dosen von Oxytokin freigesetzt. Es bewirkt, dass die emotionale Bindung stärker wird.
Nicht nur zwischen Sexualpartnern. Den „Klebstoff der Gesellschaft“ nannte es Paul Zak, Direktor des Center for Neuroeconomic Studies in Kalifornien: Es schaffe die Verbindung zwischen sozialem Kontakt und positiven Gefühlen. Und es fördert Vertrauen: In Experimenten wurde nachgewiesen, dass Testpersonen bei Geldgeschäften ihren Handelspartnern eher vertrauen, wenn ihnen Oxytokin in die Nase gesprüht worden war. Den Personen aus der Kontrollgruppe muss bei einem solchen Versuch freilich auch etwas in die Nase gesprüht werden, keiner der Teilnehmer darf wissen oder ahnen, ob er mit Oxytokin behandelt wurde oder nicht.
Das gilt auch für ein aktuelles Experiment von Psychologen um Jennifer Bartz (Mount Sinai School of Medicine, New York). Es wendet sich wieder der „ursprünglichen“ Rolle von Oxytokin in der Mutter-Kind-Beziehung zu (Pnas, 29. 11.). Allerdings geht es um die Wirkung auf das Kind – und zwar etliche Jahre danach: 31 Männer zwischen 19 und 45 wurden befragt, wie sie sich an das Verhalten ihrer Mütter in ihrer frühesten Kindheit erinnern. (Dass nur Männer teilnahmen, liegt daran, dass die Forscher Komplikationen bei etwaigen schwangeren Frauen ausschließen wollten.)s
Kein reines Wohlfühlhormon
Das Ergebnis: Männer mit positiven Erinnerungen an die Fürsorglichkeit ihrer Mutter bewerten diese noch positiver, wenn sie mit Oxytokin „vorbereitet“ wurden. Auf Männer mit schlechter Mutterbeziehung – denen von den Forschern auch Bindungsängste attestiert werden – dagegen wirkt das Oxytokin so, dass ihre Erinnerungen noch negativer werden. Auffälligerweise beeinflusst das Hormon nicht, wie die Personen ihre aktuellen Beziehungen beurteilen.
Oxytokin sei eben kein reines Wohlfühlhormon, kein „Allzweck-Wundermittel zur Herstellung von Bindungen“, resümieren die Forscher. Wie es die Wiedergabe offenbar gefestigter Erinnerungen moduliert, ist freilich ungeklärt.