Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Anzeige
Anzeige

Theaterpranke mal drei

Alle Facetten des Theaters. Bühnenbildentwurf von Etienne Pluss.
Alle Facetten des Theaters. Bühnenbildentwurf von Etienne Pluss.(c) Etienne Pluss
  • Drucken

Salzburger Festspiele. Nach großen Festspielerfolgen vor allem im Strauss-Repertoire dirigiert Franz Welser-Möst nun Giacomo Puccinis „Trittico“.

Puccini? Das ist doch der, der dem Lehár alles vorgeäfft hat!“ Ein ätzendes Bonmot, das verschiedenen Urhebern zugeschrieben wird, auch Arnold Schönberg. Franz Welser-Möst schmunzelt: „Schönberg war gern gehässig, insofern würde es mich nicht wundern.“ Wenn es jedoch wirklich von Schönberg stammt, dann muss dieser es noch vor der persönlichen Begegnung der beiden geprägt haben: 1924 nämlich nahm der 65-jährige Giacomo Puccini eine sechsstündige Zugreise nach Florenz auf sich, um Schönberg mit seinem „Pierrot lunaire“ erleben zu können. Alfredo Casella stellte die beiden Großen einander vor, Puccini ließ sich die Partitur schenken – und kehrte zurück zu seiner „Turandot“, die unvollendet bleiben sollte. Nach Puccinis Tod noch Ende desselben Jahres schrieb Schönberg „erschüttert“, er sei „stolz darauf, sein Interesse gefunden zu haben“: Das klingt schon anders – und Welser-Möst stimmt auf seine Weise mit ein. „Man schiebt Puccini gern in die Kitschecke, aber das ist völlig falsch. Ich bin ein großer Puccini-Fan – nicht einfach deshalb, weil es jedes Mal eine Melodie gibt, die man mitsingen kann, sondern weil er die Kunst des Orchestrierens so beherrscht hat und, ganz allgemein gesprochen, sein Sinn für Theater einfach so enorm war.

Hinzu kommt Puccinis Fähigkeit, mit ganz wenigen Noten enorm viel zu sagen: Wagner braucht da wesentlich länger.“ Der abschätzige Blick auf Puccini sei also unbegründet, ist Welser-Möst überzeugt: „Dieser Komponist hat auf der Höhe seiner Zeit agiert, war interessiert an den neuesten Entwicklungen. Er ist, so wie Mahler, Schönberg und Berg, 1906 zur österreichischen Erstaufführung der ‚Salome‘ nach Graz gepilgert – und man hört das auch. Das Vorspiel zum dritten Akt von ‚La fanciulla del West‘ zum Beispiel zählt absolut zur Moderne, genauso wie auch viele Passagen in ‚Il tabarro‘.“

Überraschung. Trotzdem: Welser-Möst hat in Salzburg zuletzt vor allem mit den kapitalen Strauss-Opern reüssiert – und war überrascht, als ihm Markus Hinterhäuser „Il trittico“ angeboten hat. Uraufgeführt 1918 an der New Yorker Met, besteht dieses Triptychon aus extrem unterschiedlichen Einaktern, die bald auch separate Bühnenwege gehen sollten: der impressionistisch gefärbte Verismo-Reißer „Il tabarro“, die in einem Nonnenkloster spielende, religiös verbrämte Tragödie „Suor Angelica“ sowie die besonders beliebte, spritzige Erbschleicherkomödie „Gianni Schicchi“. „Immerhin kommt Hinterhäuser aus der Schule von Gérard Mortier, der Puccini bekanntlich gehasst hat. Desto toller finde ich die Idee, ‚Il trittico‘ gerade hier neu zur Diskussion zu stellen. Es ist einfach großartige Musik. Ich habe also sofort zugesagt.“ Mit dem Großartigen gehen freilich besondere Anforderungen einher: allein in der Menge der Protagonisten, in realistischen Sonderwünschen an die Bühnenmusik (Autohupen und Nebelhörner von Schleppkähnen), in der extrem reichhaltigen Detailzeichnung der Partitur. „Ich habe viel Puccini dirigiert, auch Raritäten wie Giordanos ‚Madame Sans-Gêne‘“, erinnert sich Welser-Möst: „Dieses Repertoire steckt voll erheblicher kapellmeisterlicher Herausforderungen. ‚Gianni Schicchi‘, der erste Akt der ‚Fanciulla‘, der zweite der ‚Bohéme‘: Da müssen Sie Ihr Handwerk schon beherrschen.“

Keine Scheu vor Puccini. Dirigent Franz Welser-Möst.
Keine Scheu vor Puccini. Dirigent Franz Welser-Möst.(c) Jennifer Taylor

Hand in Hand. Für ihre Festspielproduktion des „Trittico“ werden Welser-Möst und der Regisseur Christof Loy jedenfalls schon vor dem eigentlichen Probenbeginn alle Charaktere genau durchsprechen: „Weil bei Puccini Wort und Ton so stark miteinander verwoben sind, eine Besonderheit in der italienischen Oper, müssen Regie und Musik völlig Hand in Hand gehen. Das ist unerlässlich bei diesen – ich sage bewusst: Theaterstücken, die Puccini mit Musik versehen hat.“ Da empfindet Welser-Möst übrigens deutliche Pa­rallelen zu Richard Strauss: „Der ist über weite Strecken so etwas wie ‚deutscher Verismo‘. Im ‚Rosenkavalier‘ beispielsweise finden Sie kaum einen Satz, der nicht im Orchester kommentiert und illustriert wird. Doch wenn Sie das deshalb symphonisch anlegen, sind Sie schon auf dem Holzweg, weil das innige Verhältnis von Wort und Ton verloren geht. Diese Musik muss aus dem Sprachfluss heraus dirigiert und gesungen werden. Und das ist bei Puccini genauso.“ Das gilt freilich nicht minder für die großen Arien-Hits, die Welser-Möst keinesfalls als Showstopper zelebriert wissen will: „Ich glaube, dass Schlager wie ‚Nessun dorma‘ oder in unserem Fall ‚O mio babbino caro‘ so etwas wie kleine Intermezzi sind, nicht mehr. Gerade in einer Komödie wie ‚Gianni Schicchi‘ muss die Post abgehen, da ist gar keine Zeit für Stillstand.“

"Puccinis 'Trittico' ist einfach großartige Musik. Ich war überrascht, habe aber sofort zugesagt."

Dieses geradezu filmische Timing zeichnet die Werke des „Trittico“ aus – und das trifft sich mit der Bühnenästhetik der Zeit, auch wenn Puccini nicht bereit war, sich völlig den Zielen des Verismo zu verschreiben. „Die italienischen Veristen wollten einfach Realität auf die Bühne bringen“, erklärt Welser-Möst – und findet die Gegenwart im „Trittico“ gespiegelt: „Erbschaftsstreitigkeiten kennt jede zweite Familie, Eifersuchtsmorde füllen die Zeitungen. Gerade weil wir Asmik Grigorian haben, hat Loy vorgeschlagen, die Reihenfolge zu ändern, und ich finde das hochinteressant: Wir beginnen mit ‚Gianni Schicchi‘ und dem jungen, verliebten Mädchen Lauretta, gehen weiter zu Giorgetta im ‚Tabarro‘, einer verheirateten Frau, die ein Kind verloren hat, und landen bei Schwester Angelika, die im Kloster Selbstmord begeht, weil ihr Kind gestorben ist. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie er das inszenieren wird, aber: Ihre Himmelsvision am Schluss muss man gar nicht als Mysterienspiel oder gar Religionskitsch deuten, sondern das hat schon auch etwas sehr Realistisches an sich: als Nahtoderfahrung nämlich.“
Dennoch: „Il trittico“ ist in seiner Gesamtheit ein rarer Gast auf den Spielplänen geblieben. Franz Welser-Möst lächelt und weiß sich mit seiner Überzeugung in bester Gesellschaft. „Es hat schon seinen Grund, dass sich auch Kollegen wie Kirill Petrenko und Antonio Pappano für das komplette Werk eingesetzt haben: Das ist keine bloße Kulinarik, die man im Vorübergehen servieren kann, sondern große Musik, die ernsthafte Auseinandersetzung erfordert – selbst wenn der Aufwand für ein herkömmliches Opernhaus enorm ist.“ Doch dafür gibt es ja Festspiele. 

Information & Karten

Die Salzburger Festspiele finden von 18. Juli bis 31. August 2022 statt. Nähere Informationen: 

www.salzburgerfestspiele.at/p/il-trittico

Kartenbüro
Herbert-von-Karajan-Platz 11
5020 Salzburg, Österreich
Tel. +43 662 8045 – 500
info@salzburgfestival.at

Öffnungszeiten: täglich von 10.00 – 18.00 h