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Die Ich-Pleite

Bei der Massage

Carolina Frank
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Es ist wichtig, dass man regelmäßig abschaltet. Wenigstens 50 Minuten pro Woche. Bei meiner wöchentlichen Massage klappt das halt nicht.

Ich gehe jede Woche zur Masseurin. Nacken-Schulterverspannung. Zu viel Stress, sagte meine Masseurin schon beim ersten Besuch. Es ist wichtig, dass man regelmäßig abschaltet. Wenigstens 50 Minuten pro Woche. Kein Handy, kein Internet, kein Garnichts. Es ist ja nicht nur die Arbeit, sagt meine Masseurin, während sich ihre Hände meine steinharten Nackenmuskeln vornehmen, es sind auch die Krisen. Pandemie, Ukraine-Krieg, Teuerung. Abgesehen vom Stress, den wir uns selbst machen. Wir Frauen neigen ja dazu, uns zu viel auf die Schultern zu laden.

Genau, sag ich, jeder kann alles Mögliche von uns verlangen. Auch absurde Sachen. Wir halten es ja nicht aus, jemanden zu enttäuschen. Gemeinsam fallen uns gleich Beispiele ein. Wie oft hat man ein Kleidungsstück gekauft, weil es der Begleitung gefallen hat? Und wie oft lässt man sich eine zweite Nussecke von der Tante Klara auf den Teller legen, weil man nicht Nein sagen will? Die Masseurin ist mir sympathisch. Eine Seelenverwandte! In den Massagestunden bearbeiten wir nicht nur meine Verspannungen, sondern auch unsere Probleme.

Gemeinsam überlegen wir, wie man es dem Sohn schmackhaft machen könnte, vor seiner YouTuber-Karriere doch noch die Matura zu machen. Oder die Tochter davon zu überzeugen, dass Rauchen keine Alternative zu Kiffen ist. Aber auch das Weltgeschehen macht uns Sorgen. Welches Land wird Putin als nächstes überfallen? Werden wir uns im Herbst das Heizen überhaupt noch leisten können? Die Massagestunden sind immer sehr anregend. Ich freue mich richtig darauf. Einziges Problem: Das mit dem Abschalten geht halt nicht. Aber dafür habe ich jetzt auch eine Lösung gefunden. Noch eine Masseurin. Sie heißt Han Jinjin und spricht nur Chinesisch.

("Die Presse Schaufenster" vom 27.05.2022)