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Culture Clash

Community voller Widersprüche

Eine Kampagne von links gegen den Queer- Beauftragten der deutschen Regierung zeigt, was für ein heterogenes Gebilde LGBTQ+ ist.

Kürzlich hat eine Frau dem Queer-Beauftragten der deutschen Regierung, Sven Lehmann, in der Zeitschrift „Emma“ einen offenen Brief geschrieben. Thema: die Regierungsabsicht, alle Menschen ab 14 ihr Geschlecht – mit allen rechtlichen Folgen – völlig frei wählen zu lassen. Die Mutter bat, nicht zuzulassen, „dass schon 14-Jährige in ihrer völlig unsicheren Lebenssituation, die noch dazu medial fehlgeleitet werden, solch tiefgreifende Entscheidungen ohne die Eltern treffen können“. Das hat der Queer-Beauftragte als „Trans*feindlichkeit“ betwittert und dazu den Satz verbreitet: „Der Text könnte so auch von evangelikalen Christ*innen und bürgerlichen Faschos stammen.“

Die Faschismuskeule ist nicht neu. Neu ist, dass sie diesmal eine Unterschriftenaktion zur Abberufung des Queer-Beauftragten ausgelöst hat – von links. Gruppen wie das „Team Realität“ des Bündnisses 90/Die Grünen oder das „Lesbische Aktionszentrum LAZ reloadedxx“ sind zwar nicht gerade Massenorganisationen, aber ihr Protest zeigt einen Riss in der LGBTQ+-Community auf. Dabei geht es nicht nur um die Sorge, dass heute immer mehr Minderjährige mit Gender-Dysphorie – 80 Prozent von ihnen Mädchen – einer riskanten Experimentalmedizin ausgeliefert werden. Und nicht nur um die Erfahrung, dass Lesben als transphob beschimpft werden, wenn sie nicht mit einem biologischen Mann ausgehen, der sich als lesbische Frau definiert. Sondern im Grunde darum, dass die Leugnung einer objektiven, relevanten Wirklichkeit hinter den Begriffen „Frau“ und „Mann“ letztlich jedem Feminismus die Grundlage entzieht.

Die Diskussion macht deutlich, dass die LGBTQ+-Community weniger Community ist, als man denkt. Viele – mehr, als sich zu outen wagen – sind transskeptisch. Und Homosexuelle, die einfach ein respektierter Teil der Gesellschaft sein wollen, liegen im Konflikt mit jenen, die Feinde dieser Gesellschaft sind. Und auch im queeren Aktivismus scheint es ein Sozialgefälle zu geben, das mit dem Besitz eines Penis zu tun hat. So bleibt als einziges einendes Band dieser heterogenen Gruppen: in einer Welt weißer Cis-Heteros marginalisiert zu sein. Je mehr die Ideologen dabei zu sagen haben, desto weniger geht es um Respekt und Toleranz, sondern um Klassenkampf: Die marginalisierte (und dadurch unterdrückte) Klasse muss das Herrschaftsinstrument der marginalisierenden Klasse zerstören: deren Normen. In einem Klassenkampf geht es aber ums Ganze, und alle sind Verräter, die nicht voll dabei sind oder gar Widerspruch anmelden. Das sind dann alles bürgerliche Faschos.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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