Diese geheime Depesche hatte es in sich: wie die Torheit des deutschen Außenministers Arthur Zimmermann zum Krieg mit den USA führte.
Das Außenamt der USA sollte wieder einmal einen Blick in die Schriften des italienischen Intellektuellen Niccolò Machiavelli werfen. Der hat vor 500 Jahren Folgendes über diplomatischen Umgang geschrieben: „Es gibt nichts Klügeres im menschlichen Leben, als wenn man darauf verzichtet, zu drohen und mit Worten zu beleidigen. Denn weder das eine noch das andere entzieht dem Feind die Kraft. Drohungen aber machen ihn vorsichtig, und Beleidigungen steigern seinen Hass.“
Wenn nun US-Außenministerin Hillary Clinton „Wikileaks“ mit Vergeltung droht, weil die Internetplattform Beleidigungen amerikanischer Diplomaten gegen Verbündete oder richtige Sauereien durch Veröffentlichung hunderttausender Geheimdokumente allgemein zugänglich gemacht hat, dann ist das eine ziemlich unelegante Fortsetzung der Diplomatie.
Ähnlich ungeschickt hat der deutsche Außenminister Arthur Zimmermann im Ersten Weltkrieg auf eine peinliche Enthüllung reagiert. Die USA warteten Ende 1916 nur auf einen Grund, in den bis dahin europäischen Krieg einzutreten, gegen das Deutsche Reich und dessen Verbündete. US- Außenminister Robert Lansing hielt das für unvermeidbar. Allerdings war die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Kriegsteilnahme – eine heikle Situation also für Präsident Wilson, der sich nach dem Willen des Volkes für Neutralität ausgesprochen hatte.
Man müsse nur geduldig warten, bis die Deutschen etwas Empörendes unternähmen, riet Lansing. „Dank der deutschen Torheit“ werde das kommen, vermutete er. Lansing dachte dabei wohl an den totalen U-Boot-Krieg, den Berlin damals entfesselte. Aber Amtskollege Zimmermann tat ihm einen noch größeren Gefallen. Er sandte am 16. Jänner 1917 ein kodiertes Telegramm via Washington an den deutschen Botschafter nach Mexiko. Der sollte um ein Bündnis im Krieg werben. Zimmermann wollte die Mexikaner zu einem Angriff gegen die USA verleiten, versprach militärische Unterstützung und verteilte im Geist bereits die Gebietsgewinne: Texas, New-Mexico, Arizona für die Mexikaner, Kalifornien für die Japaner. Die Pläne waren ein bloßes Lockmittel für Mexiko, das die USA an einer möglichen zweiten Front schwächen sollte.
Das Telegramm wurde von den Briten aufgefischt und dekodiert; Empörung, Drohungen und Beleidigungen. Auch damals wurde offensichtlich in einem Außenamt zu wenig Machiavelli gelesen. Jedenfalls reagierte Zimmermann nach dieser peinlichen Enthüllung gleich noch einmal richtig falsch. Er berief eine Pressekonferenz in Berlin ein und bestätigte die Echtheit der Depesche. Amerika ging in den Krieg, aus dem es 1918 als Welt- und Ordnungsmacht hervorging.
Zimmermann wurde im August 1917 aus der Regierung entlassen. Unehrenhaft? Nein. Auf den guten Mann warteten noch der Rote Adlerorden 1. Klasse mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe sowie hohe Verdienstorden. Nicht aus Mexiko, sondern von Bayern, Bulgarien, Chile, Dänemark, Venezuela – und Österreich-Ungarn. Ein Dodo hackt doch dem anderen kein Auge aus. Zumindest nicht öffentlich.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2010)