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Wort der Woche

Venedig

Forscher sehen im historischen Venedig ein Musterbeispiel für eine Balance zwischen Natur und Mensch. Deren Störung hat nun, in Verbindung mit dem Klimawandel, fatale Folgen.

Venedig ist eine ganz besondere Stadt. Über viele Jahrhunderte war sie ein politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum ersten Ranges – die vollständig erhaltenen historischen Zeugnisse davon sind heute die Basis für einen überbordenden Tourismus. Die Besonderheit Venedigs ist vor allem durch die Lage begründet: Als Insel in einer Lagune hatte die Stadt freien Zugang zum Meer und war zugleich gut geschützt.

Das Wasser war der Dreh- und Angelpunkt für die Venezianer, sie taten alles, um den Status quo zu erhalten: So wurden schon im 16. Jahrhundert Flüsse umgeleitet, schützende Wälder bewahrt, die Fischerei und die Wasserentnahme reguliert. Das resultierte in einer einzigartigen Situation, in der sich naturräumliche Faktoren und menschliches Handeln kaum mehr trennen lassen – es entstand „eine dynamische Balance zwischen Mensch und Natur“, wie es Forscher des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und der Ca'-Foscari-Universität Venedig in dem interdisziplinären Projekt „The Water City“ formulieren.

Nach dem Erlöschen der Republik wurde diese Balance allerdings massiv gestört: Die Wälder wurden abgeholzt, immer mehr Brunnen gebohrt, tiefe Schifffahrtsrinnen ausgebaggert und die Verbindungen zwischen offenem Meer und Lagune erweitert. Dadurch veränderten sich die Strömungsverhältnisse, die Salzmarschen schrumpften, die Erosion ist stärker denn je, die Stadt sinkt immer mehr ab – seit 1872 (dem Beginn exakter Aufzeichnungen) um durchschnittlich 1,3 Millimeter pro Jahr.

Gleichzeitig steigt der Meeresspiegel infolge des Klimawandels noch rascher, sodass Überschwemmungen häufiger werden. Wie eine Forschergruppe um Christian Ferrarin (Ismar Venedig) nun zeigte, spielt dabei die Überlagerung vieler natürlicher Wellen-Phänomene eine Rolle – von lokalen Stürmen und deren Folgen bis hin zu längerfristigen Oszillationen des Meeresspiegels, die von großräumigen Luftdruckschwankungen und Meeresströmungen verursacht werden (Scientific Reports, 6. 4.). Die Forscher stellten fest, dass sich viele dieser Faktoren seit einiger Zeit, offenbar Hand in Hand mit dem Klimawandel, verstärken.

Die Kombination aus höheren Wellen, steigendem Meeresspiegel, absinkender Stadt und vermindertem Schutz durch die Lagune bietet keine guten Aussichten für Venedig. Und daran kann längerfristig wohl auch das nagelneue Hochwasserschutzsystem Mose nichts ändern.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2022)