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Die Ich-Pleite

Das Anläuten

Carolina Frank
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Aber als Paketdienstmitarbeiter hat man womöglich sonst nicht viel zu lachen. Da ist es schon verständlich, wenn man sich hin und wieder Scherze erlaubt.

Früher gab es ein beliebtes Kinderspiel. Das Anläuten. Da stellte man sich vor eine Haustür und drückte auf eine Klingel. Und wenn jemand „Hallo?“ rief und öffnete, rannte man davon. So etwas fanden wir als Kinder lustig. Heute machen das ja nur noch Erwachsene. Ich kenne das von einem Paketdienst. Ich nenne keine Namen. Aber er fängt mit D an und am Ende ist noch ein D. Heute stehe ich zufällig am Fenster, als er einparkt. Ein Fahrer steigt aus und geht auf das Haus zu. Paket hat er keines dabei. Gleich da­rauf klingelt es. Ich stürze zur Tür, rufe „Hallo“ und drückte auf den Öffner. Nichts passiert. Aber zwei Sekunden später trifft ein E-Mail ein. Es ist vom Paketdienst: „Leider konnten wir ­Ihr/e Paket/e nicht persönlich zustellen.


Ihr Paket ist jedoch auf dem Weg zu einem Pick-up-Store in Ihrer Nähe.“ Zurück beim Fenster sehe ich, wie der Paketwagen hinter der nächsten Hausecke verschwindet. Ob der Fahrer lacht oder nicht, weiß ich nicht.
Aber als Paketdienstmitarbeiter hat man womöglich sonst nicht viel zu lachen. Da ist es schon verständlich, wenn man sich hin und wieder Scherze erlaubt. Denn der Paketdienst macht das nicht bei jedem Paket. Nur bei den besonders schweren. Mein Paket wiegt immerhin 24 Kilo. Da kann man sich leicht einen Band­scheibenvorfall holen. Und so etwas ist schmerzhaft. Ich weiß, wovon ich rede. Ich lasse mir die schweren Sachen deshalb ja alle nach Hause ­liefern. Vollstes Verständnis also, wenn sich der Paketdienstfahrer ein bisschen schonen will. Da kann man ruhig schon in seinen Zwanzigern damit anfangen! Das Blöde ist nur: Jetzt brauche ich einen Paketdienst, der mir das Paket vom Paketdienst-Pick-up-Store abholt. Den mit dem D vorn und hinten nehme ich aber ­vorsichtshalber nicht.

("Die Presse Schaufenster" vom 10.06..2022)