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Plattformarbeit

Arbeitsbedingungen: Lieferando führt im Fairness-Ranking

Lieferando bietet Beschäftigten reguläre Dienstverträge an.
Lieferando bietet Beschäftigten reguläre Dienstverträge an. Ein klares Plus - und bei Plattformarbeit eher eine Seltenheit.(c) NurPhoto via Getty Images (NurPhoto)
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Ein Forschungsprojekt erhob die Arbeitsbedingungen, in Österreich schneidet der Essenslieferdienst im Vergleich zu anderen Plattformen am besten ab.

Es gab sie auch schon vor Covid, die Coronakrise hat ihnen jedoch einen enormen Wachstumsschub gebracht: Plattformunternehmen samt ihren spezifischen Geschäftsmodellen und Arbeitsformen. Aber wie ist es dort um die Arbeitsbedingungen und Sozialstandards bestellt? Damit befasst sich ein internationales Forschungsnetzwerk unter dem Titel Fairwork, das beim Oxford Internet Institute und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) angesiedelt ist.

An der ersten Branchenuntersuchung nahmen für Österreich Forscherinnen und Forscher der TU Wien und der Universität Wien teil. Sechs Plattformunternehmen wurden analysiert: die Essenslieferdienste Lieferando und Mjam, der Lebensmittelzusteller Alfies, die Fahrdienstvermittlungen Uber und Bolt und sowie der Reinigungsdienst ExtraSauber. Das Ergebnis: Prekäre Arbeitsbedingungen und Scheinselbstständigkeit sind bei Plattformarbeit weit verbreitet – aber das muss nicht so sein.

Mit Abstand an der Spitze im heimischen Ranking landete Lieferando mit acht von zehn erreichbaren Punkten. Der Grund: Den Beschäftigten dort werden reguläre Dienstverträge angeboten und es gibt einen Branchenkollektivvertrag. ExtraSauber erreichte fünf Punkte, Mjam vier, Alfies und Uber jeweils zwei. Schlusslicht Bolt kam lediglich auf einen Punkt.

Oft unter der Armutsschwelle

Beurteilt wurden die Unternehmen anhand von fünf Prinzipien: faire Entlohnung, faire Arbeitsbedingungen, faire Verträge, faire Management-Prozesse und faire Mitbestimmung. Die Analyse basierte auf öffentlich zugänglichen Informationen und Befragungen von Plattform-Management und -Beschäftigten. Wurde in einer Kategorie kein Punkt erreicht, bedeute das nicht zwangsläufig die Nichterfüllung der Mindestkriterien, es könne auch an fehlenden Nachweisen liegen, erläuterte Leonhard Plank von der TU Wien vor Journalisten.

Somit könnten die Bedingungen da und dort um einen Tick besser sein, als die Punktezahl vermuten lässt – und jedenfalls sind sie sehr heterogen. Insgesamt lasse sich jedoch sagen, „dass die Plattformökonomie auch in Österreich durch prekäre Arbeitsverhältnisse und niedrige Verdienstmöglichkeiten sowie einen geringen gewerkschaftlichen Organisierungsgrad gekennzeichnet ist“, sagte Laura Vogel, ebenfalls von der TU Wien.

So konnten nur drei Plattformen eine Bezahlung über der Armutsgefährdungsschwelle nachweisen (2021: 1616,16 Euro oder 9,32 Euro pro Stunde brutto). Wobei sich der „Working poor“-Effekt noch dadurch verstärkt, dass es sich meist nicht um Vollzeitjobs handelt.

Arbeitsrecht schafft bessere Bedingungen

„Auch die österreichische Fairwork-Studie zeigt sehr klar, dass gute Arbeitsbedingungen im Wesentlichen nur durch die Anwendung des Arbeitsrechts gewährleistet sind“, lautet das Resümee von Martin Gruber-Risak, Professor für Arbeits- und Sozialrecht an der Uni Wien. „Die Plattform, die klar am besten abgeschnitten hat, ist jene, die Arbeitsverträge mit den über sie Beschäftigten abschließt.“ Nur das sichert ihnen auch Ansprüche wie Urlaub und Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall.

Teils sitzen Beschäftigte auch einem Trugschluss auf – dass man für mehr Freiheit auf arbeitsrechtlichen Schutz verzichten müsse. „Das ist Unsinn“, sagt Gruber-Risak. Auch Arbeitsverträge können mit Gleitzeit und Telearbeit viel Flexibilität erlauben. Und „selbstständige“ Plattformarbeit unterliegt teils so engmaschiger Kontrolle, dass es sich eben bloß um Scheinselbstständigkeit handelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2022)