Freiheitskämpfer: Walter van Beirendonck

Ob in der Mode oder mit Kunst: Walter van Beirendonck
ist ein Mann mit firmen Überzeugungen.

Seit fast drei Jahrzehnten steht Walter van Beirendonck für exzentrische Mode und große Shows. Als Gründungsmitglied der legendären „Antwerp Six“ lancierte er später das Label W. & L. T („Wild and Lethal Trash“), das von Mustang finanziert und den Clubbern der Rave-Generation getragen wurde. Damit war Anfang der Nullerjahre Schluss, heute kreiert er unter seinem eigenen Namen nicht minder außergewöhnliche Kollek-tionen. In einem Wiener Ausstellungsraum zeigt er nun seine vierte künstlerische Arbeit, die den vollmundigen Titel „Paradise Pleasure Productions“ trägt. Dem „Schaufenster“ erzählte der charmante Designer mit dem Rauschebart, warum Mode auch engagiert sein kann, was lange Namen bewirken können – und wie wichtig es ist, seine Überzeugungen zu kommunizieren.


Schon in den 80ern waren Sie für die aufwendigen Shows Ihres Labels W. & L. T. bekannt, für die Sie zum Beispiel die französische Künstlerin Orlan engagierten. Haben Sie jetzt selbst die Seite gewechselt?

Es stimmt schon, dass es bei mir immer eine Affinität zur Kunst gegeben hat – aber ich sehe mich als Teil der Modewelt, und dabei bleibt es auch.

Auf wessen Initiative gehen Ihre künstlerischen Gehversuche zurück?
Die Pariser Galerie Polaris hat mich im Vorjahr eingeladen, ihren Raum mit einer Installation zu bespielen. Die Idee hat mir gefallen, also habe ich das Gleiche getan, was ich auch mit meinen Kollektionen versuche: nämlich eine Geschichte zu erzählen. Meine Arbeit trug den Titel „2357“ und bezeichnete einen Zeitpunkt 300 Jahre nach meinem Tod. Die Galerie wurde zu meiner Gruft, mit Grabwächtern, einem Sarg und Grabbeigaben: darunter Flaggen, von denen jede einzelne eine meiner Kollektionen widerspiegelt – insgesamt um die 50.

Stand die Installation zum Verkauf?
Ja, und die Flaggen wurden auch wirklich rege gekauft, wahrscheinlich fanden viele sie recht dekorativ. Mir war wichtig, nicht Gemälde oder etwas Vergleichbares zu zeigen, sondern etwas, das mit der Mode korrespondiert – und wie in diesem Fall textilen Charakter hat. Die Fassade zur Gruft habe ich später für eine andere Galerie-Arbeit entworfen: Die Fassade als das „Draußen“, das Sichtbare – das reflektiert für mich die Logik der Mode. Überhaupt versuche ich in allem, was ich tue, Aspekte meiner Persönlichkeit miteinzubringen.

Ihr zentrales Anliegen in der Arbeit „Paradise Pleasure Production“, die in Wien gezeigt wird, ist der Aspekt persönlicher Freiheit?

Mir ist es immer darum gegangen, Freiheit als zentralen Aspekt meiner Arbeit zu thematisieren. Immerhin ist man ja gerade in der Mode ständig mit der Notwendigkeit, Abstriche zu machen, konfrontiert. Übrigens habe ich nicht unbedingt das Gefühl, dass das in der Kunst völlig anders aussieht. 

Würden Sie sagen, dass Sie vielleicht – analog zu Konzepten, die man aus der Kunst oder der
Literatur kennt – so etwas wie „mode engagée“ machen – politisch engagierte Mode?

Warum nicht – der Ausdruck gefällt mir. Natürlich gibt es ein ständiges Engagement für bestimmte Themen, obwohl ich versuche, nicht allzu explizit zu sein. Ich finde, dass sich ein kreativ arbeitender Mensch engagieren sollte. Immerhin hat man die Möglichkeit, andere zu informieren und ihnen seine eigene Sicht der Dinge zu kommunizieren. Ich habe immer versucht, Themen, die mir wichtig sind, anzusprechen: Safe Sex, Freiheit, Umweltschutz.

Außer Ihnen gibt es noch Vivienne Westwood und Katharine Hamnett, die sich ähnlich explizit engagieren. Beide, besonders Hamnett, die für ihre T-Shirts berühmt wurde, arbeiten gern mit Slogans. Sie auch?

In einem geringeren Ausmaß, aber durchaus. Ich würde meine Arbeit aber nicht mit der von Katharine Hamnett vergleichen – ich schaffe eine konkrete Atmosphäre zu jedem Thema. Und ich will Geschichten erzählen und die Menschen so erreichen.

Auf der Einladung zu Ihrer letzten Show stand „Love = War on Hate“. Auch eine Aufforderung zum guten Handeln?
Ich will natürlich nicht um jeden Preis, dass Menschen tätig werden und sich engagieren – meine Aufgabe besteht auch gar nicht darin, sie dazu zu bringen. Aber die Option, mit anderen in Interaktion zu treten, ist mir wichtig.

Das Defilee ist in diesem Sinn eine besonders effektive Plattform?

Selbstverständlich. Die Inspiration für die aktuelle Kollektion, von der wir eben gesprochen haben, waren Kriegs-teppiche aus Afghanistan. Die Kombination aus traditioneller Handwerkskunst und dieser Kriegsmotivik hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So ist es auch zu diesem Liebes-Krieg-Motto gekommen. Das Motiv wollte ich auch auf dem Laufsteg zeigen.

Ich würde gern noch ein wenig über die phänomenalen „Antwerp Six“ sprechen: Anfang der Achtzigerjahre gingen Sie gemeinsam mit Dirk van Saene, der heute noch Ihr Lebensgefährte ist, Ann Demeulemeester, Dries van Noten, Dirk Bikkembergs und Marina Yee nach London. Sie zeigten in einer Gruppenpräsentation Ihre Kollektionen, wurden dadurch schlagartig berühmt und katapultierten Antwerpen auf die internationale Modelandkarte. Eine strategische Meisterleistung – oder Zufall?

Das ist wirklich ganz spontan entstanden. Wir hatten gemeinsam an der Königlichen Akademie in Antwerpen studiert, waren miteinander befreundet, ehrgeizig – und wild entschlossen, aus Belgien hinauszukommen. Darum ging es eigentlich. Irgendwer hat dann vorgeschlagen, dass wir mit einem Kleinbus nach London fahren könnten, um uns so einen Namen zu machen. Am Anfang waren wir natürlich völlig unbekannt, also mussten wir Presse und Einkäufer durch Flyer auf uns aufmerksam machen. Das hat funktioniert, und viele waren von unserem Gruppenauftritt beeindruckt.

Die Stärke der „Antwerp Six“ war also im Grunde das gemeinschaftliche Agieren?

Zum einen. Was auch geholfen hat, waren unsere Namen, die für die Journalisten unglaublich schwierig waren, so lang und exotisch – und aus dem belgischen Nirgendwo, von dem keiner je gedacht hat, dass dort auch Mode entstehen könnte. Das war offenbar recht faszinierend, und wir fanden auch eine Agentin, die uns als Gruppe vertreten hat. Bald wurden wir dann als die „Antwerp Six“ bekannt, obwohl wir uns selbst nie so genannt haben. So ging das dann ein paar Saisonen, bis wir als einzelne Designer so bekannt waren, dass die Gruppe zerfallen ist.

Heute unterrichten Sie Mode an der Königlichen Akademie?
Ja, ich leite die Abteilung – und ich meine, dass wir weltweit einen sehr guten Ruf haben. Die Akademie ist ein guter Ort für Studierende, weil sie persönlich betreut werden und ihre eigene Handschrift entwickeln können. Es gibt zwar viel Wettbewerb und man muss hart arbeiten – aber, und da haben wir es wieder, jeder genießt viele Freiheiten.

Die Ausstellung „Paradise Pleasure Productions“ ist noch bis 15. Jänner bei Song, Praterstraße 11, 1020 Wien, zu sehen
www.songsong.at

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