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Culture Clash

„Entmilitarisierte Orks“

Krieg verroht die Menschen, auch die Verteidiger. Wäre Gewaltlosigkeit nicht doch die richtige Strategie? Für den Einzelnen vielleicht, für ein Land aber nicht.

Die ukrainische Armee ist dazu übergegangen, die Tötung eines hohen russischen Offiziers mit den launigen Worten bekannt zu geben: „Generalmajor Roman Kutusow (Oberst Saur Dimajew usw.) ist nun offiziell entnazifiziert und demilitarisiert.“ Eines von vielen kleinen Zeichen, dass der Krieg die Menschen roher macht, auch die Überfallenen. Längst hat sich auch die Bezeichnung „Orks“ oder „Zombies“ für die russischen Besatzer eingebürgert. Die seriöse „Ukrainska Pravda“ listet täglich die neuen Verluste der russischen Armee auf, mit Piktogrammen: so und so viele Flugzeuge, Panzer, Drohnen, Lkw, Menschen. Sogar ich gerate in Versuchung der Schadenfreude, wenn neben dem behelmten Männchen wieder einmal eine große Zahl steht. Der dehumanisierende Effekt eines brutalen Kriegs ist auch weit „vom Schuss“, noch wirksam.

Dieser Krieg verursacht selbst beim Verteidiger Kollateralschäden, an den Seelen, aber auch an den politischen Verhältnissen: In wessen Hände gelangen am Ende die vielen Waffen? Wie geht es mit den zu Ruhm gelangten Asow-Milizen und ihrem zweifelhaften politischen Hintergrund weiter? Der Journalist Aris Roussinos, der viele der Milizionäre interviewt hat, schreibt: „Europa hat viele rechtsextreme Gruppen, aber nur in der Ukraine besitzen sie eigene Panzer- und Artillerieeinheiten, mit staatlicher Unterstützung.“ Die Nachkriegs-Ukraine wird es nicht leicht haben.

Die Verheerung gibt der Frage Gewicht: Wäre ein Nicht-Verteidigen nicht doch besser? Gewaltlosigkeit ist ja nicht der Schnittpunkt von Naivität und Unterwürfigkeit, sondern eine heroische, erwachsene Haltung. Zumal im christlichen Kontext der hingehaltenen anderen Backe. Da geht es allerdings darum, dass sich jemand in der Hand des liebenden Gottes sicher weiß, daher keine Angst vor dem Tod hat, auch nicht vor dem sozialen Tod, und deswegen auf Selbstbehauptung, Abschreckung und Rache verzichten kann. Aber pazifistische Politik ist nicht dasselbe – da geht es um die Backen der anderen. Der Gewaltlose bewahrt den Frieden im eigenen Herzen. Der Pazifist bringt dem Land aber keinen Frieden: Die Folterkammern errichtet ein Aggressor auch dann, wenn niemand auf ihn schießt.

Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe sind Kategorien der persönlichen Ethik (im Idealfall auch des einzelnen Politikers), aber keine Kategorien der Politik. Dort muss es um Gewaltminimierung und Menschenwürde gehen. Worauf man hoffen kann, ist also nicht eine wehrlose Ukraine – sondern ein Abwehrkampf, der so geführt wird, dass er nicht zerstört, was er verteidigt.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2022)