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Amanshausers Album

Rechts- und Linksverkehr

Für einen Rechtsfahrer fühlte sich das linke vordere Eck des Wagens bestürzend weit entfernt an.
Für einen Rechtsfahrer fühlte sich das linke vordere Eck des Wagens bestürzend weit entfernt an.Amanshauser
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Ein Kammerstück für Autofahrer auf Jersey: Im Linksverkehr darf die Konzentration nie nachlassen.

Ich fuhr auf Jersey wie auf rohen Eiern. Es lag nicht nur am Linksverkehr. Das enge, verwinkelte Straßennetz der wunderschönen Kanalinsel war ein harter Übungsparcours. Die hatten die historischen Straßen einfach nicht für die Breite zeitgenössischer Autos gebaut. Seitlich standen meterhohe Mauern, überwachsen von Pflanzen, steinhart, und doch weich und flauschig wirkend. Für mich als herkömmlichen Rechtsfahrer fühlte sich das linke vordere Eck des Wagens bestürzend weit entfernt an. Ich schien meine jeweilige Position im Verkehr nie so hundert­prozentig unter Kontrolle zu haben. So pflügte ich zunächst einmal gespürlos, instinktlos durch das Labyrinth der Kleinstraßen, wo auch Einheimische bei Entgegenkommenden oft halten und reversieren müssen, damit sich alles irgendwie ausgeht.

Der Wechsel von Rechts- auf Links­verkehr geht mit zwei harmlosen ­Phänomenen einher: Man greift auf der falschen Seite nach dem Gurt und ins Leere – ein sich wiederholender, nerviger Vorgang. Zudem betätigt man, wenn man blinken möchte, den Scheiben­wischer. Umgekehrt leider auch. Zum Glück sind die Pedale nicht spiegelverkehrt angeordnet, sonst wäre man völlig verloren! Indes passt sich das menschliche Gehirn neuen Verhältnissen rasch an. Nach einem Tag als Vollmonster fahndet man nicht mehr verzweifelt nach der korrekten Abbiegespur, man hat es kapiert. (Erfahrungswert: Leider ist es so, dass der Lernprozess, auch wenn man lang links gefahren ist und es ein, zwei Jahre nicht mehr tut, jedes Mal wieder fast bei null beginnt.)


An jenem Tag fuhr ich ausgezeichnet. Ich meisterte alle Situationen. Bis ich mein Abendlokal gefunden hatte und zwischen zwei Pfeilern den Kundenparkplatz entdeckte. Aufatmend und lässig nahm ich die Abschlusskurve und schrammte dabei mit circa drei km/h an den Pfeiler. Links vorn. Als ich ausstieg, lachten und klatschten die illuminierten Gartengäste. Man kann den Menschen so leicht Freude bereiten! Rasch brachte man mir einen Cider. Der Schaden? Eh nicht so schlimm. Vollkaskoversichert? Klar, aber meine Autofahrerehre ist total havariert.

("Die Presse Schaufenster" vom 10.06.2022)