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Kunst

Documenta: Kooperation und ein Antisemitismus-Vorwurf

Preview of the Documenta Fifteen art exhibition, in Kassel
Kunstwerk des Nest Collective aus Nairobi(c) REUTERS (LISI NIESNER)
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Mindestens 1500 Künstler sind an der 15. Ausgabe der Kunstschau in Kassel beteiligt. Im Vorfeld wurde die Documenta von einer Antiseminitismus-Debatte überschattet.

Mit der internationalen Pressekonferenz wurde am Mittwoch der Startschuss zu der „documenta fifteen“ genannten 15. Ausgabe der Weltkunstausstellung in Kassel gegeben, die alle fünf Jahre für hundert Tage die nordhessische Stadt in ein Barometer der Kunstwelt verwandelt. Heuer ist fast alles anders. Als Symbol für den kollektiven und gesellschaftlichen Ansatz dient eine Reisscheune, die Pressekonferenz wurde in einem Stadion abgehalten. Die offizielle Eröffnung folgt am Samstag.

Die künstlerische Leitung der heurigen Documenta hat das indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa inne. Es hat 14 Kollektive, Organisationen und Institutionen sowie 54 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, an 32 Standorten Aktivitäten zu setzen. Wie in einem Schneeballsystem seien inzwischen mindestens 1500 Künstlerinnen und Künstler beteiligt, sagte documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann in ihrer Rede, "viele von ihnen bringen die Perspektive des globalen Südens mit".
Schormann erinnerte im Aue-Stadion an die Werte, die ruangrupa vertreten: "Das Ziel ist nicht das Kunstwerk, sondern die Kooperation selbst. Diese Kunst der Kooperation ist fest verwurzelt in der jeweiligen lokalen Gemeinschaft, aber auch offen für andere. Entscheidend ist der Prozess, der nie abgeschlossen und ergebnisoffen ist." Ruangrupa sei kritisch gegenüber dem westlichen Ideal des Künstlers als Genie und gegenüber dem Kunstmarkt. "Von hier aus erschließt sich die Radikalität der documenta fifteen."

Öffentliche Plätze miteinbezogen

Traditionelle Standorte wie das Fridericianum oder die Documenta-Halle werden zwar auch einbezogen, bieten aber keine klassische Kunst-Leistungsschau. Der Fokus liegt auf öffentlichen Plätzen sowie auf Interventionen in bestehenden Museen wie dem Museum für Sepulkralkultur, dem Naturkundemuseum im Ottoneum, dem Hessischen Landesmuseum, dem Stadtmuseum Kassel oder der Grimmwelt Kassel, aber auch auf der Bespielung von teilweise schon länger leer stehenden Gebäuden in der ganzen Stadt.

"Sie haben neue Orte in unserer Stadt wiederentdeckt und wiederbelebt - eine Pionierleistung", freute sich der Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle. "Die ruangrupas sind begeisternd. Sie haben ein Netzwerk in unserer Stadt geschaffen und wahnsinnig viele Akteure dazu genommen." Doch auch er räumte ein: "Die Reise war keine einfache."

"Rassistische Anfeindungen dürfen keinen Platz haben"

Dazu zählen auch die im Vorfeld laut gewordenen Antisemitismus-Debatten. Der Vorwurf lautete, auch Organisationen eingebunden zu haben, die den kulturellen Boykott Israels unterstützten oder antisemitisch seien. Ruangrupa und die Documenta wiesen die Anschuldigungen entschieden zurück. Sowohl Schormann und Geselle wie auch die Hessische Kunst- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn sprachen das Thema an und betonten die historische Verantwortung Deutschlands im Kampf gegen Antisemitismus. "Das Existenzrecht Israels ist Teil der deutschen Staatsräson", sagte Dorn, machte aber auch auf Schmieraktionen der vergangenen Tage aufmerksam: "Rassistische Anfeindungen dürfen keinen Platz haben."

Ruangrupa-Mitglieder versicherten im moderierten Gespräch, sie wollten der Welt nicht ihr lumbung-Konzept aufdrängen: "Wir glauben nicht, dass es das einzige Mittel zur Lösung der Probleme der Welt ist. Aber in Indonesien ist es ein Konzept, voneinander zu lernen." Nicht sie hätten sich für die documenta beworben, sondern sie seien gefragt worden und hätten zugesagt. Im Gespräch kristallisierte sich nicht nur heraus, dass viele der Prozesse langfristig und gegen den traditionellen Kunstmarkt angelegt sind, sondern wurde auch an einen Slogan erinnert, den ruangrupa schon vor einigen Jahren in die Diskussion eingebracht hat und der wohl auch über dieser documenta stehen kann: "Make friends, not art."

Eine mit Kasseler Schülern erarbeitete Performance, bei der lumbung-Künstler Agus Nur Amal PMTOH aus einem handgemalten TV-Gerät sang, gab auf der Pressekonferenz-Bühne im Stadion einen Vorgeschmack auf das künstlerische Programm. Im Zentrum steht dabei der Begriff des lumbung, der gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der überschüssige Ernte gelagert und zum Gemeinwohl nach gemeinsam definierten Kriterien verteilt wird. Als Symbol steht dieses Prinzip für eine interdisziplinäre, unhierarchische und gemeinschaftliche Arbeitsweise. Daher stehen auf dieser Weltkunstausstellung auch weniger Starkünstler als soziale Initiativen, Kollektive und Organisationen im Mittelpunkt.

Unter den Teilnehmern ist etwa eine dänische Organisation, die Geflüchtete mit Rechtsberatung und Sprachkursen unterstützt oder eine Gruppe aus Bangladesch, die sich um Müllvermeidung bemüht. Es gibt einen Bienenzüchter aus Kassel, einen "trans*feministischen Kunst- und Sozialraum" oder ein koreanisches Forschungsprojekt, "das die vielfältigen Verbindungen zwischen Pflanzen und Menschen, Zivilisation und Naturphänomenen sowie Kolonialismus und Ökologie untersucht". Auch die wenigen eingeladenen Einzelkünstler wie der Comiczeichner Nino Bulling, die türkische Künstlerin und Filmemacherin Pinar Ögrenci oder die aus Taschkent stammende Filmemacherin und Künstlerin Saodat Ismailova haben zahlreiche Kolleginnen und Kollegen nach Kassel mitgebracht.

54.000 Eintrittskarten verkauft

Laut Organisatoren wurden bereits 54.000 Eintrittskarten verkauft, mehr als vor fünf Jahren zu dem Zeitpunkt. Das Tagesticket kostet 27 Euro. Zur Eröffnung am Samstag gibt es zahlreiche Feste in der ganzen Stadt. Danach ist die documenta traditioneller Weise genau 100 Tage geöffnet, wird also am 25. September wieder ihre Tore schließen.

(APA)