Peter Sloterdijk denkt über Steuern, Staat und Spenden nach. Das wird Autoritäten erregen und jene, die das Gute gepachtet haben.
Alle Gewalt geht vom Fiskus aus, behauptet Peter Sloterdijk in der jüngsten Ausgabe des Wochenblattes „Die Zeit“. Damit setzt der deutsche Philosoph eine Umverteilungsdebatte fort, die er vor eineinhalb Jahren in der „FAZ“ begonnen hatte. Sein Vorwurf unter dem Titel „Die Revolution der gebenden Hand“: Die Linke definiere, Eigentum sei Diebstahl. Der größte Nehmer aber sei der moderne Staat, meinte Sloterdijk und dachte fundamental über Freiheit und Gleichheit, Eigentum und Expropriation nach. Er empfahl als Denkmodell Steuerabgaben auf freiwilliger Basis.
So viel freier Wille und Verdacht gegen die Obrigkeit hat die Linke (in Gestalt der Frankfurter Schule, Reste davon soll es noch geben) aufgebracht – mit einiger Zeitverzögerung. Nach den Ferien Ende September 2009 punzierte der fleißige Habermas-Schüler Axel Honneth in der „Zeit“ Sloterdijk als Feind des Sozialstaates.
Drei Semester sind ins Land gegangen. Es war an der Zeit, dass die kynische Vernunft mitteilt: „Warum ich doch recht habe“, mit dem Plädoyer für die Philanthropie und Invektiven gegen den absolutistischen Sozialismus. Vier Phasen „der Vereinnahmung von Gütern“ gibt es für den revolutionären Sozial-Staatsfeind in der Moderne: 1) kriegerische Plünderung und Piraterie, 2) autoritär-absolutistische Tradition, 3) Gegenenteignung in sozialistischer Tradition und 4) „Spenden“ in philantropischer Tradition. Die Vierzahl erinnert nicht nur an die Weltalter von Ovids „Metamorphosen“, sondern auch an die Zeitalter bei Marx: Urgesellschaft, Sklavenhalterei, Feudalismus und Kapitalismus als Klassengesellschaften.
Zu 4) will Menschenfreund Sloterdijk mit allen rhetorischen Mitteln hin, wobei offen bleibt, ob die Endstufe eisenhart wie bei Ovid oder doch die Rückkehr zur Unschuld des Goldenen Zeitalters sei, als man, „sponte sua, sine lege“ fürs Gemeinwohl blechte.
Daran ist bisher kaum zu denken, denn laut Sloterdijk sind wir fiskalisch fast noch in der Bronzezeit. Die Staatsbereicherung ist für ihn ein Mix aus den Punkten 2) und 3), also autoritär, sozialistisch, vordemokratisch – hier die Ordnungsmacht, „die vorgibt, von oben eingesetzt zu sein“, dort die „moralisch autorisierte Agentur der Umverteilung“.
Was tun? Gibt es Erlösung von „stummen Erduldungen“, die einem der sozialistische Absolutismus der Moderne auferlegt? Vielleicht hilft mehr Mittelalter, wie es in Österreich wieder verstärkt praktiziert wird. Von Prölls Klientel-Politik lernen heißt siegen lernen. In Jahrtausenden lernten Bauern, wie man Steuern vermeidet. Inzwischen wissen sie auch, wie man vom Staat generös nimmt. Sie sind die wahren Aristokraten von heute.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2010)