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Mein Freitag

Bitte rechts stehen, auch wenn es ein Nebengleis ist

In der Stadt sind wieder viele Schulklassen unterwegs. Das war schon lang nicht mehr so. Es herrscht eine laute Fröhlichkeit, die Schüler bilden eine amorphe Masse mit spontanen Ausbuchtungen in alle Richtungen.

Das Lehrpersonal davor oder dahinter bemüht sich um Kontrolle. Eine Gruppe Halbwüchsiger fließt auf die Rolltreppe, die Professorin ruft: „Auf die anderen achten! Ihr seid nicht allein da! Rechts stehen!“ Kurze Pause. „Nicht nur einer rechts stehen!“ Ein eingespielter Ablauf: Anordnung gegeben, Anordnung ignoriert, beide Seiten machen, was ihrer Rolle entspricht.

In alle Richtungen fließen in der Arbeit indessen die Kommunikationskanäle, eine Mischung aus prähistorisch, analog und digital. „Willst du in cc?“, rufe ich dem Kollegen zu, der drei Meter hinter mir sitzt, bevor ich einen anderen anrufe, um ihm zu sagen, dass er ein E-Mail bekommen hat (er liest es sonst nicht). „Ich bin gern in cc“, ruft er zurück. „Dann weiß ich Bescheid, muss aber nicht antworten.“ Gemeint ist die Adresszeile cc beim E-Mail, eine Art Nebengleis, die Empfänger aus der Verantwortung nimmt, agieren zu müssen, er wurde ja lediglich in Kenntnis gesetzt. Cc kommt übrigens von Carbon Copy, dem guten alten Durchschlag.

Wie wäre wohl Alltag in cc? Immer dabei, aber ohne sich angesprochen zu fühlen. Keine schöne Vorstellung. Es sei denn, man schnappt fremde Gespräche auf. Unlängst, bei einer langen Zugfahrt: Zwei Männer sitzen einander schweigend gegenüber, beide scheinen Gedanken nachzuhängen. Es ist nicht ersichtlich, dass sie zusammen reisen. Plötzlich sagt der eine: „Ich habe noch einmal die Axiome von Kant gelesen.“ Der andere murmelt etwas Unverständliches von Logik, die nicht alles erklärt. Darauf der Erste: „Er ging weiter als alle anderen.“ Der Zweite: „Wollte er irgendwohin?“ Dann steigen beide aus.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com