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Wir, die wir alles kleinreden

Manche Leute meinen, es sei besser, Bücher nach Russland zu schicken als Waffen in die Ukraine.
Manche Leute meinen, es sei besser, Bücher nach Russland zu schicken als Waffen in die Ukraine.SOPA Images/LightRocket via Gett
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Wir halten die Augen geschlossen, damit wir nicht zu viel sehen und an die jungen und nicht mehr jungen Männer erinnert werden, die im Donbass um ihr Leben und um ihre Freiheit kämpfen, weil wir sonst an unsere Schamerinnert werden.

Immer noch glaubt eine geduldige Öffentlichkeit, in Krisenzeiten auf das Wort von Schriftstellern vertrauen zu können, obwohl es keineswegs sicher ist, dass man zu klügeren Aussagen gelangt, wenn man Schriftsteller zu Wort kommen lässt, als wenn man eine Meinungsumfrage durchführt und nach dem Zufallsprinzip blind in der Population sucht.

Der Bäcker von nebenan gibt bekannt, dass es ihm angesichts des russischen Angriffskrieges in der Ukraine sinnlos erscheint, weiterhin seine Brote zu backen, und er sich deshalb entschließt, sein Handwerk aufzugeben und lieber untätig zu sein. Er sagt nicht, dass er einen Orden dafür will, aber er sagt es unmissverständlich so, als wollte er einen. Eine Marktfrau ein Stück die Straße hinunter mahnt an, dass ihr das nicht genug sei, wenn schon Moral, dann richtige Moral, und das heißt in der höchsten Steigerungsform deutsche Moral, sie trete überhaupt aus der Menschheit aus, die nichts Besseres zu tun wisse, als sehenden Auges zuzulassen, dass ein Teil von ihr den anderen abschlachtet. Natürlich bleibt sie bei ihrem ganzen Austretenwollen eine komfortabel Eingetretene, solange sie sich nicht selbst das Leben nimmt, und weiß das in klaren Augenblicken auch.

Der Klempner am Stammtisch meint, es sei sinnlos, sich gegen einen stärkeren Gegner zur Wehr zu setzen, man dürfe ihn nicht reizen, weil er dann nur noch gewalttätiger reagiere, ja, einen Grund habe, zum Äußersten zu greifen und alles niederzubrennen, der Kluge wisse, wann es genug sei, und sein Kollege sekundiert ihm. Er erzählt von einer Schlägerei, bei der er beobachtet haben will, wie ein Betrunkener auf einen vor ihm auf dem Boden Liegenden eingetreten habe, und rechtfertigt sich, selbst untätig geblieben zu sein. Denn irgendwann sei ja schließlich die Polizei gekommen und habe das geregelt. Irgendwann komme immer die Polizei und regle alles, wenn man nur die Geduld habe zu warten, keine Ahnung, ob der auf dem Boden Liegende bei ihrem Eintreffen tot war oder noch am Leben.

Leute, die Bücher lesen, und Leute, die keine Bücher lesen, aber zu wissen glauben, dass man mit Büchern nie etwas falsch machen kann und mit Waffen angeblich immer alles falsch macht, erklären, es sei besser, Bücher nach Russland zu schicken als Waffen in die Ukraine, und halten sich darob für große Denker und sind doch nur die ewigen Meine-Hände-in-Unschuld-Wascher. Und dann ist da doch auch noch die eine Intellektuelle, die dummerweise in die Umfrage gerät und einem ukrainischen Blogger in schönster Stellvertreterinnenmoral erklärt, was die „Bild“-Zeitung ist, und dass man mit der „Bild“-Zeitung nicht gemeinsame Sache machen dürfe, selbst wenn einem jemand das Messer an den Hals setze, und er sicher nur mit der „Bild“-Zeitung (von der er einen Bericht weitergeleitet hat) gemeinsame Sache gemacht habe, weil er nicht wisse, was die „Bild“-Zeitung sei, worauf er sie nach allen Regeln der Kunst zurechtstutzt und dann auch noch blockiert.