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Buch der Woche

Emmanuel Carrère: Der unerlöste Yogi

War Jurymitglied der Filmfestspiele von Cannes und Venedig: Emmanuel Carrère, Jahrgang 1957.
War Jurymitglied der Filmfestspiele von Cannes und Venedig: Emmanuel Carrère, Jahrgang 1957.imago/Leemage
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Eigentlich wollte Emmanuel Carrère ein Buch über Yoga schreiben – dann aber starb ein Freund beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Am Ende kam ein Roman über Carrères Depression und bipolare Störung: heraus: die „Geschichte meines Wahnsinns“.

Warum als moderner Autor über die Welt und andere Leute schreiben, wenn es doch das eigene Ich gibt? Niemanden kennt man schließlich besser als sich selbst. Leichter wird die Recherche für einen solchen Roman durch diesen „Heimvorteil“ aber gerade nicht, zumindest wenn man die Aufgabe so akribisch angeht wie Emmanuel Carrère. Denn das Ich, oder ist es das Es, pflegt bisweilen klärende Auskünfte über sich hartnäckig zu verweigern, was wiederum die Suche nur noch spannender, aber eben auch aufwendig macht. In Frankreich hat sich Emmanuel Carrère als Stilist der eigenen Seele profiliert. Der Urvater dieses Genres ist der Norweger Karl Ove Knausgård, dessen autofiktiver Stil eine große Leserschaft fasziniert und die wenigen Kritiker von Selbstausbeutung und leider auch Ausbeutung des Seelenlebens anderer reden lässt. Carrère hat mit der Selbsterforschung Erfahrung. In seinem Roman „Das Reich Gottes“ setzte er sich glanzvoll mit seiner abwechslungsreichen religiösen Entwicklung zwischen Christsein und Agnostiker auseinander. Der Roman verband sehr anschaulich spirituelle Erlebnisse und teilnehmende Beobachtung mit philosophischen Reflexionen.

Diesmal will Carrère zur Abwechslung etwas Heiteres schreiben, so lautet zumindest sein Plan. Der Plan eines Mannes, der uns schon auf den ersten Seiten bereitwillig in sein Seelenleben blicken lässt. In den vergangenen zehn Jahren wurde er, ganz unerwartet, weder von schweren Krisen noch schlimmen Schicksalsschlägen heimgesucht. Er konnte seinem schriftstellerischen Schaffen nachgehen, hatte Erfolg und dachte, dieser Zustand dauere nun ewig an. Wäre es da jetzt nicht passend, ein feinsinniges Buch oder „Büchlein“ über Yoga zu schreiben, zumal er doch seit vielen Jahren selber Yoga, Meditation und früher auch Tai-Chi praktiziert und sich damit auskennt?