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Frankreich

Mélenchon, der linke Spielverderber

Jean-Luc Mélenchon (70) ist ein begnadeter Redner mit breitem historisch-kulturellen Wissen, neigt aber zu linksautoritärem Gehabe, Cholerik und Personenkult.
Jean-Luc Mélenchon (70) ist ein begnadeter Redner mit breitem historisch-kulturellen Wissen, neigt aber zu linksautoritärem Gehabe, Cholerik und Personenkult.AFP via Getty Images Coex
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Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon kandidiert bei den heutigen Wahlen in Frankreich nicht persönlich für die Nationalversammlung. Trotzdem war im Wahlkampf fast nur von ihm und seinem Traum, an der Spitze einer linken Mehrheit Premierminister zu werden, die Rede. Ein taktischer Coup de maître des Volkstribuns.

Ein Gespenst geht um in Europa“, warnte im April vor der französischen Präsidentschaftswahl die Washington Post. Beim Schreckgespenst handelte es sich dieses Mal indes nicht um den Kommunismus wie im Manifest von Karl Marx von 1848, sondern um den Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon. Er kandidierte schon zum dritten Mal bei der Präsidentenwahl. Und die Furcht vor seinem antikapitalistischen Programm ließ laut dem US-Blatt gar „die Finanzmärkte zittern“. Der „schreckliche“ Mélenchon wird das zweifellos mit Freuden als großes Kompliment gelesen und genossen haben.

Indes, wie schon 2012 und 2017 hat er wieder verloren, kam auch erneut nicht in die Stichwahl gegen Emmanuel Macron, als dessen Erzfeind er sich gern geriert. Doch aufgegeben hat er seinen persönlichen Kampf gegen den wiedergewählten Staatschef keine Minute lang. Die Endergebnisse der Wahl rochen noch nach Druckfarbe, als Mélenchon bereits mit einem, gelinde gesagt, größenwahnsinnigen Vorhaben vor die Medien trat: „Wählt mich zum Premierminister“, forderte er seine Landsleute auf, die einige Wochen später, am 12. Juni und heute Sonntag, die 577 Abgeordneten der Nationalversammlung wählen und damit über Macrons parlamentarische Mehrheit entscheiden. Die Medien spotteten: Was für ein schlechter Verlierer!

Macron hat ihn unterschätzt. Heute könnte sich Macron (44) ohrfeigen, weil auch er diesen Gegner unterschätzt hat. Während der im Amt bestätigte Präsident mit sträflicher Nonchalance eine fast automatische Erneuerung seiner parlamentarischen Mehrheit erwartet, legte der auf Revanche sinnende, 70-jährige Linkspopulist hinter den Kulissen den ersten Grundstein zu einer Allianz der Linksparteien, die Macron eigentlich rettungslos zerstritten glaubte. Was auch sonst kaum jemand so kurz nach der Wahlniederlage für möglich gehalten hatte, kam jedoch schnell zustande: Die „Neue Ökologische und Soziale Volksunion“ (Nupes) unter Führung Mélenchons und mit einem Programm in 650 Punkten, das nur eine leicht verwässerte Kopie des Programms des Präsidentschaftskandidaten ist.

Das „unbeugsame Frankreich“ will der Linkspolitiker Mélenchon verkörpern. „La France insoumise“ (LFI) lautet darum der Name, den er seiner 2016 gegründeten Partei gegeben hat. Wenn das etwas nostalgisch nach vergangener Grandeur oder sehr typisch französisch-patriotisch klingt, ist das kein Zufall. Denn als Populist möchte Mélenchon „das Volk“ nicht nur führen, sondern verkörpern. Anders als Marx setzt er nicht auf Klassenkampf, sondern in der Tradition des von ihm verehrten Jakobiners Robespierre aufs gemeine Volk. Er richtet sich nicht an die Nation, sondern an das „Peuple“. Auch sonst hat er ein unverhohlenes Faible für starke Männer und vor allem Revolutionshelden wie Castro, Chavez, Maduro – und viel Nachsicht für undemokratische Regimes wie etwa in China und Russland. Ihn darob gleich in die Riege der „Putin-Versteher“ zu stellen, ist allerdings nicht ganz fair.