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Gastbeitrag

Visionsloses Weltunkulturerbe

Die Politik zehrt die Reserven vergangener Generationen auf und führt uns zielstrebig in Richtung Bedeutungslosigkeit.

Zum Autor:

Dr. Paul Reinbacher arbeitet nach einem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie diversen beruflichen Positionen in der Privatwirtschaft an der Pädagogischen Hochschule OÖ.

Auf vielen Gebieten zehrt Österreich von Reserven vergangener Jahrzehnte. Das Bildungssystem ist (neben dem Sozial- und Gesundheitssystem) nur ein Bereich, in dem das besonders deutlich wird.

Als Folge des Ukraine-Krieges gehen die Gasvorräte zur Neige und das Getreide wird knapp. Abgesehen davon hat uns die Pandemie deutlich vor Augen geführt, was lange Zeit erfolgreich verdrängt worden ist, nämlich: dass wir in vielen Bereichen zur Bewältigung heutiger Herausforderungen auf die in der Vergangenheit angelegten Reserven zurückgreifen – wie beispielsweise im Fall unseres ehemals angesehenen Schulsystems, das derzeit mit einem massiven Mangel an Lehrpersonal zu kämpfen hat.

Noch immer unternehmen dort zahlreiche engagierte Beschäftigte enorme Anstrengungen, um chronische Defizite zu kompensieren (oder zu kaschieren). Schließlich entsprechen heute vielfach weder die Bedingungen noch die Ergebnisse jenen hohen Standards, auf die man einst so stolz gewesen ist. Errungenschaften haben sich abgenutzt und werden nur notdürftig repariert, sodass wir von Dauerprovisorien umgeben sind. Einzig in den Verwaltungsapparaten scheint auf allen Ebenen das Parkinson'sche Gesetz des stetigen Wachstums bestens zu funktionieren.

Während das Verteidigungsministerium in dieser Situation die historische Chance zur Erhöhung seiner budgetären Mittel für die operative Truppe ergreift, geht die mangelhafte Ausstattung unserer Kindergärten und Schulen im Vergleich zum Ausbleiben osteuropäischer Erntehelfer eher unter. Man hat sich daran gewöhnt, dass Reformen an der Basis stets „kostenneutral“ zu erfolgen haben, wenngleich das angesichts von Inflation und zunehmenden Aufgaben eine Kürzung der Ressourcen bedeutet.

„Bei allen Dingen stets etwas in Reserve haben“ – das empfiehlt Baltasar Gracián y Morales in seinem sogenannten „Handorakel“, denn: „Dadurch sichert man seine Bedeutsamkeit.“ Anders die Politik hierzulande. Sie verfolgt die gegenteilige Strategie. Indem sie die Reserven vergangener Generationen aufzehrt, steuert sie das Land ziemlich zielstrebig in Richtung schwindender Bedeutung, denn: Sich in Sonntagsreden der Relevanz öffentlicher Versorgung in Bereichen wie Bildung, Soziales und Gesundheit zu versichern, wird langfristig kaum ausreichen.
Zwar gilt es in Rechnung zu stellen, dass viele Menschen die kurzfristig unangenehmen Folgen langfristig erforderlicher Reformen nicht mehr in ausreichendem Maß mittragen möchten. Oder dass globalisierte Märkte, die Pandemie und nun noch ein Krieg auf europäischem Boden der Politik die Arbeit zusätzlich erschweren. Schon allein deshalb wäre es unfair, die aktuelle Situation mit den Wirtschaftswunder-Jahren oder unsere derzeitigen Spitzenpolitiker mit jenen der gerühmten Kreisky-Ära zu vergleichen.

Vertrauen untergraben

Umgekehrt nehmen allerdings auch „gelernte Österreicher“ jenes folkloristische Weltunkulturerbe, für das unsere föderalistische Freunderlwirtschaft pars pro toto steht, achselzuckend hin. So wird das Vertrauen in den Veränderungswillen staatlicher Institutionen kontinuierlich untergraben, obwohl es hoch an der Zeit wäre, mit Blick auf die Zukunft des Landes wieder in die soziale und kulturelle Infrastruktur zu investieren, um damit zumindest die Defizite der letzten Jahrzehnte wettzumachen.

Visionen dafür fehlen aktuell in unseren mit sich selbst beschäftigten, politischen und administrativen Systemen – leider.