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Stimmung

Wie der Krieg die Energiewende in Österreich antreibt

Die Stimmung in der Bevölkerung kippt: Erstmals fordert eine klare Mehrheit den Ausbau neuer Stromnetze und grüner Kraftwerke. Viele Private nehmen die Sache selbst in die Hand und sorgen für einen Solarboom im Land.

Gaskrise, horrende Strompreise und die Rückkehr der Kohle. Mit Blick auf den Herbst gibt das heimische Energiesystem ein jammervolles Bild ab. Doch wer ein paar Jahre weiter nach vorne sieht, kann der Situation durchaus auch Positives abgewinnen: Der Ukrainekrieg und die Preisexplosion bei fossilen Brennstoffen hat in den Köpfen der Österreicherinnen und Österreicher etwas verändert. Die Zustimmung zum Bau neuer Ökostrom-Kraftwerke sowie der notwendigen Infrastruktur ist so hoch wie nie zuvor, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage (n=1000) im Auftrag von Oesterreichs Energie.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Lobby der Stromwirtschaft die Meinung der Bevölkerung zur Energiewende abfragt. Doch jahrelang war das Ergebnis dasselbe. Die Energiewende an sich finden irgendwie alle gut, dass dafür auch Kraftwerke und Netze gebaut werden müssen, aber kaum jemand. Das ändert sich nun.
Erstmals ist mehr als die Hälfte aller Befragten der Meinung, dass die Stromnetze ausgebaut werden müssen (54 statt 37 Prozent vor zwei Jahren)  Drei Viertel wollen mehr Solar-, Wind- und Wasserkraftwerke. Sogar in direkter Nachbarschaft können sich plötzlich 70 Prozent ein Windrad vorstellen.

„Wir investieren die Gewinne“

Dieser Stimmungswandel zeigt sich nicht nur in Umfragen, sondern auch im direkten Handeln der Österreicher. Seit die Energiepreise so stark steigen, sehen sich viele ihre Rechnungen erstmals genauer an und merken, dass es sich schnell rechnet, Strom selbst zu erzeugen. Energieversorger berichten von einem privaten Solarboom im Land, in Niederösterreich wurden im ersten Halbjahr 2022 schon doppelt so viele private PV-Projekte eingebracht, wie im gesamten Vorjahr. Gehemmt wird der Boom derzeit vor allem durch Materialmangel, fehlende Leitungen und zu knappe Ressourcen bei den Handwerkern.

Auch die Energiewirtschaft ist in den Startlöchern. 220 konkrete Ökostrom-Projekte könnten die Unternehmen aus ihren Schubladen holen und sofort umsetzen. Anders als bei den Haushalten spielen hier Wind- und Wasserkraftwerke die größte Rolle (siehe Grafik). Werden sie alle realisiert, wäre immerhin die Hälfte der politisch geforderten 27 Terawattstunden an neuen Ökostromkraftwerken bis 2030 bereits abgedeckt. Um die dafür notwendigen 28 Milliarden Euro zu bezahlen, brauche die Branche ihre Gewinne, sagte Michael Strugl, Verbund-Chef und Präsident von Oesterreichs Energie, mit Blick auf die lange diskutierten Gewinnabschöpfungen. „Wenn uns das Geld nicht bleibt, können wir nicht investieren“.

Noch ist der Ökostrom-Boom reine Theorie. In der Praxis stockt der Ausbau, weil viele Bundesländer keine Flächen freigeben und die Verordnung für Marktprämien auf sich warten lässt. Das Problem: Beginnen die Firmen heute schon zu bauen, verwirken sie ihre Chance auf staatliche Förderung. „Aber wenn der Strompreis fällt, brauchen sie die Marktprämie dringend“, sagt Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie. Auch die Genehmigungsverfahren seien noch zu langwierig. Klimaschutzministerin Leonore Gewessler hat in der Vorwoche zwar einen Plan für schnellere Verfahren vorgestellt. Aber „die Ankündigung alleine beschleunigt leider noch nichts“, so Schmidt.

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