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Den Herausforderungen des Lebens standhalten.
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„Ich glaube, Sie mögen mich“: Über die Hoffnung im psychiatrischen Alltag

Beim letzten Gespräch in der Klinik sagte Anna etwas verlegen: „Ich hoffe, ich darf wieder zu Ihnen kommen.“ Aus der Ablehnung zu Beginn der Therapie vor acht Wochen war die Hoffnung geworden, wieder psychisch gesund werden zu können.

Es ist erstaunlich, wie selten die Hoffnung, in der Begleitung und Behandlung von psychischen Störungen, eine dezidierte Rolle spielt. Schon die Religion verweist auf deren Wirkmächtigkeit und damit fundamentale Bedeutung für den Menschen. Die Literatur ist reich an Beispielen zur Kraft der Hoffnung. Schon in Daniel Defoes berühmtem Roman „Robinson Crusoe“ ist es die Hoffnung, die Robinson überleben lässt.

In unser aller Leben ist sie täglicher Begleiter, sie ist dem Wesen des Menschen inhärent. In einer von Zahlen und Fakten getriebenen Welt, die „ihre“ Versprechen nicht einlösen kann, erscheint sie daher wichtiger denn je.

Auch der erkrankte Mensch ist zunächst immer ein Hoffender. Wer es jemals nachhaltig verloren hat, der weiß um die Kostbarkeit dieses Gefühls. Und wem es gelingt, die Hoffnung als wertvollen Teil des Lebens zu begreifen, sie bis zum Tode zu bewahren, aus ihr Kraft oder auch Trost beziehen zu vermag, dem ist wohl viel gelungen.

Obwohl sich kaum wissenschaftliche Arbeiten in der einschlägigen Literatur finden, kommt der Hoffnung, vor allem bei krisenhaften Zuspitzungen und chronischen Krankheitsverläufen, eine besondere Rolle zu. Das Hoffen in seinen Ausprägungen und Formen ist eng mit einer optimistischen beziehungsweise pessimistischen Grundstruktur der Persönlichkeit verbunden. Diese bestimmt wesentlich unsere Lebensgestaltung mit. Eine optimistische Grundhaltung ist hilfreich, senkt das Risiko für psychische Erkrankungen und hilft bei deren Bewältigung. Kürzlich war einem Bericht der WHO zu entnehmen, dass psychische Erkrankungen bereits im ersten Jahr der Covid-Pandemie um 25 Prozent zugenommen haben. Der Zusammenhang ist evident und auch wissenschaftlich hinlänglich nachgewiesen.

Doch wen überrascht es? Alles, was die Lebenssituation des Einzelnen oder eines Kollektivs nachhaltig beeinträchtigt, erhöht das Risiko, psychisch zu erkranken. Und so ist auch alles, was uns längerfristig aversiv berührt, längerfristig belastet, mit der Hoffnung verbunden, es möge vorübergehen. Das ist in der Tat ein universelles Prinzip, und so hat es seine Gültigkeit, ob für die Pandemie, die Kriege dieser Welt oder für Erkrankungen.

Die Hoffnung ist wirkmächtig; sie kann hilfreich sein, aber auch in die Irre führen oder verloren gehen. Ausgehend von der Arbeit mit psychisch kranken Menschen, die uns auch pandemiebedingt vor neue Herausforderungen stellt, möchte ich mich unterschiedlichen Aspekten der Hoffnung sowie des Umgangs mit diesen, annähern. Dies jedoch ohne den Versuch, einer über den landläufigen Gebrauch hinausgehenden begrifflichen Bestimmung, im Sinne der Konstellation Adornos oder anderer philosophischer Vertiefungen.