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Hugo von Hofmannsthal
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Literatur

Hugo von Hofmannsthal: Nachlass ohne Ende

Fünfeinhalb Jahrzehnte dauerte es, bis die kritische Gesamtausgabe der Werke von Hugo von Hofmannsthal abgeschlossen werden konnte. Nun liegt der 35. Band mit 1600 Seiten vor. Im Bereich der modernen Literatur steht diese Edition einzigartig da.

Es ist nicht leicht, in der Zeitung, deren Vorgängerin Hofmannsthals „Hausblatt“ war, jene monumentale Edition zu besprechen, die nun nach fünfeinhalb Jahrzehnten intensivster philologischer Arbeit fertiggestellt wurde. Die Verbundenheit des Dichters mit der „Neuen Freien Presse“ springt bei der Lektüre des abschließenden Bandes mit Reden und Aufsätzen der Jahre 1920 bis 1929 ins Auge, beginnt dieser doch mit einem in ihr abgedruckten Kondolenzschreiben des Autors an den Sohn des langjährigen Herausgebers, Moritz Benedikt. Der mächtige Pressezar, den Karl Kraus aufgrund affirmativer Kriegsberichterstattung in der Fackel als „Herrn der Hyänen“, ja gar als „Antichrist“ titulierte, wird hier als „außerordentlicher Mensch“ charakterisiert: Der Hinterbliebene habe den „besten Vater“ verloren. Am Gegensatz der Bewertung einer Zentralfigur österreichischen Pressewesens lässt sich das Spektrum der Wiener Moderne ermessen.

Die Vorgeschichte der Gesamtausgabe begann am Begräbnistag des Autors, als der Freund Rudolf Borchardt sich entschloss, für eine „wissenschaftlich einwandfreie und sachlich möglichst vollständige Herausgabe von Hofmannsthals veröffentlichten und unveröffentlichten Werken“ zu werben, wobei das erforderliche Archiv und die angedachte wissenschaftliche Arbeitsstelle in Rodaun angesiedelt sein sollte. Die dort ansässige Familie des Dichters begann, den riesigen Nachlass zu sondieren und sich einen Überblick über verstreute Schriften zu verschaffen. Bald erschien eine Reihe von Einzelausgaben bisher unveröffentlichter Briefe, Texte und Fragmente, die allerdings noch nicht wissenschaftlich aufbereitet waren.

Diesen Anstrengungen um eine philologisch valide Hofmannsthal-Ausgabe machte allerdings die Politik einen Strich durch die Rechnung: Nach dem „Anschluss“ verlor der Schwiegersohn Heinrich Zimmer wegen „nichtarischer Versippung“ seine Professur, die Familie musste nach England emigrieren, ihr Vermögen wurde von den NS-Behörden beschlagnahmt. Die Witwe Gerty wohnte ab Juli 1939 in Oxford und London, sie wurde vor ihrem Tod 1959 britische Staatsbürgerin. Hofmannsthals Tochter Christiane zog 1940 mit Zimmer nach New York, wo sie bis 1987 lebte. Der Nachlass ihres Vaters war fortan auf verschiedene Standorte verteilt und kehrte nie wieder zurück an den Schaffensort des Dichters.