Markus Kupferblum dramatisiert in „Antwort auf einen ungeschriebenen Brief“ die Verfolgung seines Vaters bis weit nach der NS-Zeit.
Markus Kupferblum sitzt wie zur Begrüßung der Zuseher vor den letzten Reihen im Semperdepot der Wiener Lehargasse, wortlos. Er versucht, einen Brief zu schreiben, während das Publikum hereinströmt. An einem Schreibtisch mit Lampe sitzt der Autor, Regisseur und Schauspieler. Lampen mit gedämpftem Licht sind mit Papiertüten überstülpt, auf die Dokumente gedruckt sind: Bescheide, Korrespondenz aus den 1950ern. Neben dem Schreibtisch steht ein Papierkorb, rund um ihn zerknüllte Blätter, Teile einer traurigen Geschichte vom Scheitern. Kupferblum gibt in seiner autobiografischen Inszenierung, die beim Akko-Festival in Israel im September uraufgeführt wurde, eine „Antwort auf einen ungeschriebenen Brief“ an seinen Vater.
Dieser Gerszon Kupferblum, aus einer jüdischen Familie, die von den Nazis von ihren Gütern aus Polen vertrieben wurden, ist 1970 in Wien gestorben, da war der Sohn erst sechs. Der Vater, zu Unrecht wegen ihm angelasteter Wirtschaftskriminalität 14 Monate in Untersuchungshaft, konfrontierte die von Nazis durchsetzte Justiz mit unangenehmer Wahrheit. Er war eine moralische Instanz, wurde aber als Querulant abgestempelt. Von diesem Schicksal erzählt der Sohn.
Immer wieder vom Stiefel weggekickt
Ein Saxofon ertönt. Die schwarze Puppenbühne vorn ist noch leer. Es sei nicht leicht, einen Brief zu schrieben an jemanden, zu dem man keine Beziehung hat, hört man Kupferblum von hinten sagen. Er bittet das Publikum, ihn zu begleiten. Später wird er nach vorn kommen und mitspielen. Erst aber zeigen Pablo Ariel und Efrat Hadani auf der Puppenbühne, wie eine Stiefelattrappe einen Ball wegkickt, mehrfach. Ping hört man, Pong, da kommt Kupferblum mit einer Puppe nach vorn, die nimmt den Ball der furchtbar Spielenden, setzt sich auf den Stiefel und reitet mit ihm. Ariel bietet Kupferblum Akten zum Lesen an. Er scheut erst einmal zurück vor der Vergangenheit.
Dann beginnt die eigentliche Geschichte: „Ja, mein Vater war ein Kämpfer,“ sagt er, „er war besessen von einer perfekten Welt ohne Korruption.“ Schon sieht man auf der Puppenbühne ein Maskenspiel, eines mit Klischees: Der Jude mit der krummen Nase wird von Gerichtspsychiater Dr. Stumpfl vernommen. Es ist eine wahrhaft beschämende Geschichte, in der die einstigen Täter Täter, die Opfer Opfer bleiben. Auch in Polen. Ein Bauer erzählt, wie seine Familie nach der Flucht Kupferblums dessen Besitz nahm. Auf eine Leinwand hinter den Zusehern wird von unsichtbarer Hand eine ländliche Szene gesprayt – idyllisch, doch die Taten sind gewissenlos, berechnend.
„Willkommen in unserem Justiz-Zirkus!“
Die Monster-Show wechselt wieder nach Wien. Ein Präsident des Obersten Gerichtshofes, ein Untersuchungsrichter, ein Inspektor von der Wirtschaftspolizei kommen zu Wort. Ehrenwerte Herren mit hochtrabender Sprache, doch die Akte Kupferblum enttarnt sie – sie haben nichts gelernt, so mancher ist im Herzen Nazi geblieben. Sie wollen von Kupferblum nicht erinnert werden. Der Krieg sei nicht gegen Polen geführt worden, sondern gegen die Juden, heißt es einmal. Das soll beschwichtigen.
Nach einer Stunde der Reflexion weiß man, dass diese Kampagne auch nach 1945 zwar nicht mehr erklärt, aber fortgesetzt wurde. Wie verarbeitet das der Sohn? Er setzt sich eine rote Nase auf. „Willkommen in unserem Justiz-Zirkus!“, sagt der Clown. Die Richter tanzen zur Marschmusik, Pistolen haben Amtskappen auf. Er solle doch aufhören sich zu beschweren, raten die Täter, dann sei alles in Ordnung. Kupferblum leert den Korb aus, nur zerknülltes Papier. „Was schreibt man schon in so einem Brief?“, fragt er. Das klingt wie Resignation, aber er hat die Geschichte erzählt, unsentimental, sehr persönlich und sparsam im Dramatischen. Kupferblum schultert die Puppe und geht ab.
Konzept, Idee, Regie, Darstellung: Pablo Ariel und Markus Kupferblum; Puppenspiel: Efrat Hadani; Musik: Renald Deppe. Täglich bis 11. Dezember im Semperdepot, 20 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2010)