Signale aus dem letzten Kosmos?

Signale letzten Kosmos
Signale letzten Kosmos(c) EPA (NASA /ESA/ HANDOUT)
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Der renommierte Physiker Roger Penrose glaubt, dass er aus der kosmischen Strahlung lesen könne, was in einem „Äon“ vor dem Urknall passiert sei.

Das „Echo des Urknalls“: So lautet die gängige wissenschaftspoetische Formulierung für das, was die Kosmologen aus der kosmischen Hintergrundstrahlung lesen – obwohl diese Strahlung im Mikrowellenbereich erst ca. 380.000Jahre nach dem Urknall entstanden ist. (Davor war das Universum undurchsichtig für elektromagnetische Strahlung.)

Nun geht der renommierte britische Physiker Roger Penrose einen Schritt weiter: Er will aus der Hintergrundstrahlung Nachrichten aus einer Zeit vor dem Urknall lesen. Allein von einer solchen Zeit zu sprechen, ist höchst unorthodox. Denn in unserem aktuellen Weltbild sind Zeit und Raum erst im (oder: mit dem) Urknall entstanden.

Äon nach Äon: Zyklische Kosmologie

Penrose sieht das anders. Er vertritt die „conformal cyclic cosmology“ (CCC), in der der Urknall nur eine Übergangsphase zwischen zwei kosmischen Zeitaltern ist, die er „Äonen“ nennt. Er spricht von einer „(vielleicht endlosen) Abfolge solcher Äonen“, sein neues Buch, in dem er diese Theorie schildert, heißt „Cycles of Time: An Extraordinary New View of the Universe“.

Aber ist es nicht so, dass wir über die Existenz früherer Äonen grundsätzlich nichts sagen können? Wie soll Information aus dem „vorigen“ Universum sich über den Urknall ins „aktuelle“Universum retten? Das gehe schon, meint Penrose. Man könne sie sogar beobachten. Zusammenstöße superschwerer schwarzer Löcher im letzten Äon hätten heftige Gravitationswellen ausgelöst. In unserem Äon allerdings, so Penrose, „erscheinen sie nicht in der Form von Gravitationswellen, sondern als kugelförmige, weitgehend isotrope Energieausbrüche im anfänglichen Material des Universums, von dem wir glauben, dass es eine Urform dunkler Materie war“.

Solche Ausbrüche will Penrose nun in der Hintergrundstrahlung identifizieren: in Form von konzentrischen Ringen, in denen die Temperatur weniger schwankt als in den umliegenden Regionen. Solche Ringe hat er in den Daten des US-Satelliten-Observatoriums „Wilkinson Microwave Anisotropy Probe“ (WMAP) gefunden, das die kosmische Hintergrundstrahlung misst – was höchster Präzision bedarf, schließlich sind die Schwankungen in dieser 1964 entdeckten Strahlung minimal: Erst 1993 fand man heraus, dass sie nicht völlig gleichförmig ist.

Penrose richtet sich explizit gegen die Inflationstheorie, die die meisten Kosmologen heute akzeptieren, obwohl sie auch auf unsicheren Fundamenten ruht, etwa auf Feldern, die man einfach postulieren muss. Nach dieser Theorie habe sich das Universum kurz nach dem Urknall extrem rasch ausgedehnt. Das soll vor allem erklären, warum das Universum heute so isotrop (in allen Raumrichtungen gleichförmig) ist. Das könne er mit seiner CCC auch erklären, meint Penrose – und die konzentrischen Ringe dazu.

Wie ernst zu nehmen ist Penrose? Nun, er hat schon öfters extravagante Ideen propagiert – etwa dass das Bewusstsein durch Quanteneffekte in Zellorganellen zu erklären sei –, doch er ist unter Physikern hoch geachtet. Seine Versuche, Quantentheorie und Allgemeine Relativitätstheorie zu vereinen, waren bisher nicht erfolgreich, aber das waren andere auch nicht. Der Laie fragt sich nur angesichts von Theorien wie der CCC: Beruhen sie nicht implizit auf der Annahme einer absoluten, sozusagen „außerhalb“ des Universums (resp. der Universen) verstreichenden Zeit? Widersprechen sie damit nicht dem Geist der Relativitätstheorie?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2010)

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