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Ökonomischer Blick

„Netto-Null“-Emissionen: Ist das in Österreich möglich?

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Der Ukraine-Krieg lässt uns die Notwendigkeit einer Energiewende noch deutlicher spüren. Verlieren wir keine Zeit!

Seit Fronleichnam kommt in Österreich deutlich weniger Gas aus Russland an. Meist ist es nur mehr die Hälfte der vereinbarten Menge. Dafür sind wohl nicht die von Gazprom genannten technischen Probleme verantwortlich, sondern stellt es vielmehr ein politisches Signal dar.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Die unmittelbare Frage der Versorgungssicherheit lässt uns die Notwendigkeit eines Ausstiegs aus fossiler Energie nun noch einmal viel deutlicher spüren, als es ohnehin längst der Fall sein sollte: Auf EU-Ebene haben wir das Ziel der Netto-Null-Emissionen bereits im Jahr 2018 vereinbart, im österreichischen Regierungsprogramm wurde es vor zwei Jahren verankert, nationaler Zielhorizont dafür ist 2040. Was heißt Netto-Null, wie konkret kann das in Österreich gelingen, und was ist nach dem Überfall auf die Ukraine dahingehend insbesondere geboten?

Die Charakterisierung als „Netto-Null“-Treibhausgasemissionen hat sich in den vergangenen beiden Jahren aus der Fülle anderer Begriffe („klimaneutral“, „klimafit“, „klimarobust“, ...) als vergleichsweise genaue Beschreibung durchgesetzt. Mit heutigem Stand haben sich bereits 132 Länder zu einem Netto-Null-Ziel verpflichtet, die gemeinsam für 83 Prozent der globalen Emissionen, 91 Prozent des globalen BIP und für 80 Prozent der Weltbevölkerung stehen.

Emissionsreduktion im Fokus

Das Ziel dieser Länder ist, ihre Wirtschaftsstrukturen so zu verändern, dass sie die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre nicht mehr erhöhen, dass somit jeder noch verbleibenden Emission eine gleich große Bindung von Treibhausgasen in einer – um diesen Betrag größer gewordenen – „Senke“ gegenübersteht. Wenn wir uns – wie die bevorzugten Szenarien des UN-Klimarats – auf die natürlichen Senken konzentrieren, so könnte Österreich durch Humusaufbau in der Landwirtschaft und durch die Erhaltung der Kohlenstoffbindung im „Wald“ zur Mitte des 21. Jahrhunderts in der Größenordnung fünf bis sieben Prozent der heutigen Emissionen pro Jahr zusätzlich binden. Der mengenmäßige Hauptfokus wird also, und dies gilt auch weltweit, auf der Emissionsreduktion liegen. Wie kann das für Österreich aussehen?

Am klarsten sehen wir die Lösungen für die Bereiche Verkehr und Gebäude vor uns: Das, was wir eigentlich wollen – den Zugang zu Personen, Gütern, Orten, oder auch eine gut temperierte Wohnung –, können wir durch fundamental andere Strukturen auch ganz ohne Treibhausgasemissionen erreichen. Eine fußläufige Raumordnung und ein virtueller Austausch verringern die physische Mobilität, und letztere wird, in ihrem motorisierten Anteil, vor allem öffentlich und jedenfalls elektrisch sein – aus erneuerbarem Strom. Auf Positiv-Energie-Gebäuden wird mehr Elektrizität erzeugt werden, als diese für, beispielsweise den Betrieb ihrer Wärmepumpe, selbst verbrauchen. Bedingt durch die langen Nutzungsdauern bestehender Infrastrukturen im Verkehr und Gebäudebestand ist dies eine gewaltige Aufgabe im Umbau, vor allem wenn wir das alles in nur zwei Dekaden geschafft haben wollen.

Wasserstoff in der Industrie

Zumindest genauso schwierig wird die Emissionsreduktion bei der Herstellung von Baumaterialien, und damit sind wir im Bereich Industrie. Die Industrie wird wohl auch in Zukunft eine ähnliche Gesamtenergiemenge benötigen, aber sie muss effizienter werden und im Sinne einer Kreislaufwirtschaft andere Prozesse und Technologien einsetzen. Die heute größten Emittenten werden Wasserstoff statt Koks in der Stahlproduktion verwenden oder die chemisch aus Kalkstein entstehenden CO?-Emissionen in der Zementproduktion mit Wasserstoff zu Methan veredeln, einem Einsatzstoff in der Kunststoffindustrie.

Einige Prozesse in der Industrie sind erst in der Pilotphase, zudem deutet Österreichs heutige Industriestruktur auf einen Energiebedarf hin, der auch in Zukunft ökonomisch sinnvoll keineswegs aus unserem Land allein gedeckt werden kann. Wie viel Energie als Wasserstoff, wie viel als Strom importiert wird, wird auch ein Ergebnis der Abstimmung im Kontext der EU mit ihren globalen Partnerländern sein. Jedenfalls aber wird, wie es auch die mit der Industrie ausgearbeitete Wasserstoff-Strategie Österreichs festhält, grüner Wasserstoff knapp und daher wohl nur für Bereiche verfügbar sein, wo es keine Alternativen mit Erneuerbaren gibt, also vor allem in den genannten industriellen Prozessen, vielleicht auch als E-Fuels im Flug- und im Güterfernverkehr.

Das eigentliche Ziel des Pariser Abkommens ist es, global nicht mehr als 1,5 Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten an Erhitzung zuzulassen. Im Vergleich zu einer Erhitzung von zwei Grad bedeutet das, dass die Gruppe der Menschen, die häufig von Hitzewellen betroffen ist, um eine halbe Milliarde kleiner ist – und es damit auch potenziell weniger Klimaflüchtlinge gibt.

Dieses 1,5-Grad-Ziel wäre auf der Emissionsseite nur noch dann erreichbar, wenn wir weltweit bereits in wenigen Jahren auf null Emissionen kommen. Das erscheint den meisten politisch aber nicht machbar zu sein, womit nun auch die zukünftige Entnahme von CO? aus der Atmosphäre und deren technische Speicherung (etwa in alten Öl- oder Gasfeldern) global ins Spiel kommt. Mit Entwicklungszeiten von wohl zumindest zwei Dekaden sind auch dafür Instrumente zeitnah einzuführen, etwa eine Verpflichtung für fossile In-Verkehr-Bringer, einen spezifizierten – und über die Zeit steigenden – Anteil in Senken dauerhaft zu speichern. Das wäre ein Instrument, auch für die europäischen Länder, um Technologie und Kompetenz zu entwickeln, freilich ohne die konsequente Emissionsreduktion auch nur eine Sekunde aus den Augen zu verlieren.

Initiativen „von unten“

Wie wir dorthin kommen? In einer Zeit, in der selbst eine Regierungspartei mit diesem „grünen“ Hauptziel an dessen Umsetzung gehindert wird, sind wohl weiter ganz stark Initiativen „von unten“ von Bedeutung, von Bürgerinnen und Bürgern, und von Unternehmen, die nicht nur neue Wirtschafts- und Lebensstile ausprobieren, sondern dadurch auch aufzeigen können, wo es an den richtigen Rahmenbedingungen mangelt, und diese politisch einfordern, sodass es das neue „Normal“ wird, und zwar zum Vorteil aller und mit Unterstützung zur Veränderung für all jene in Auslaufsektoren und -tätigkeiten.

Wo immer wir nach dem russischen Überfall auf die Ukraine beschleunigen können: Angebote für Häuser, die an Fernwärmeleitungen liegen, diese umgehend anzuschließen; Fachkräftebereitstellung zur Bearbeitung überbordender Auftragsbücher in der PV-Branche; ein Abklopfen unserer Alltagsgewohnheiten auf ihre Netto-Null-Tauglichkeit – jeder Mensch hat aktuell einen zusätzlichen schwerwiegenden Grund, es heute wirklich anzugehen.

Der Autor

Karl W. Steininger(*1965) ist Professor für Klimaökonomik und Nachhaltige Transition am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz. Steininger beschäftigt sich mit den wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels, im laufenden Trimester forscht er am Net Zero Programme an der Martin School der University of Oxford.

Karl W. Steininger
Karl W. Steininger

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2022)

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