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Schwechat: Terror-Verdächtiger verhaftet

Flughafen Wien Schwechat
Flughafen Wien Schwechat(c) (Clemens Fabry)
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Ein in Niederösterreich lebender Tschetschene wurde auf dem Flughafen Schwechat verhaftet. Er soll Teil eines islamistischen Terrornetzwerks sein. Für Experten keine Überraschung, aber auch kein Grund zu großer Sorge.

Die österreichischen Tschetschenen kommen nicht aus den Schlagzeilen. Erst rückt der Prozess wegen des Mordes an Umar Israilow die Community in den Fokus und jetzt das: Wie am Samstag bekannt wurde, wurde am 1. Dezember am Flughafen Schwechat auf Grund eines EU-Haftbefehls ein tschetschenischer Terrorverdächtiger festgenommen. Aslambek I., der schon länger als anerkannter Flüchtling in Niederösterreich lebt, soll Teil eines islamistischen Netzwerks sein. Die belgische Justiz verdächtigt ihn, sich logistisch an der Vorbereitung eines dann vereitelten Terroranschlages auf einen Zug mit Nato-Soldaten in Belgien beteiligt zu haben – und zwar laut „Kurier“ und „Kronen Zeitung“ in führender Rolle. Sprich, er soll bei der Beschaffung von Dingen wie Waffen, Wertkartenhandys oder Dokumenten geholfen haben.


Tatsächlich kam die Verhaftung nicht gänzlich überraschend. Bereits am 23. November, als bei Razzien in Brüssel, Antwerpen, Amsterdam und Aachen 26 Terrorverdächtige festgenommen wurden (auf neun wurde dann ein Haftbefehl ausgestellt), gab es erste Gerüchte, dass auch in Österreich gesucht würde. Damals dementierte das Innenministerium. Denn die Hausdurchsuchung fand erst einen Tag später, am 24. 11., statt. Im Beisein der Frau und der beiden Kinder des Verdächtigen wurden unter anderem Handys und Computer sichergestellt. Er selbst war nicht anwesend, da er sich auf einer Pilgerreise nach Mekka befand – an deren Ende ihn nun die Polizei empfing. Derzeit wartet Aslambek I., der in die Justizanstalt Wiener Neustadt gebracht wurde, auf die Auslieferung. Ein entsprechender Antrag wurde laut Innenministerium von Belgien bereits gestellt.

Kein Geheimnis

Es gibt, abgesehen von den Gerüchten Ende November, aber noch einen weiteren Grund, warum manche auf die Verhaftung nicht besonders erstaunt reagieren. Dass unter den Tschetschenen in Österreich einige, wenn auch wenige, Islamisten leben, ist für Experten kein Geheimnis: „Wie Sie hören, falle ich jetzt nicht aus allen Wolken“, so Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger beim Anruf der „Presse“. Diese würden schwer durchschaubar im Untergrund operieren, ihren Anteil könne man seriös nicht schätzen – „höchstens aber zwei bis drei Prozent“ (von insgesamt etwa 25.000 Tschetschenen, fast alle Muslime). Konkret geht es dabei um die Anhänger des tschetschenischen Rebellenführers Doku Umarow, denen auch Aslambek I. zugerechnet wird (s. unten). Dieser rief sich 2007 zum „Emir vom Kaukasus“ aus und will in Tschetschenien, Dagestan und Inguschetien einen islamischen Staat errichten, in dem die Scharia angewendet wird. Seine Gruppe bekannte sich auch zu den Anschlägen auf die Moskauer U-Bahn im März, bei denen mehr als 40 Menschen starben. Die Nato, deren Hauptquartier in Brüssel liegt, ist den Islamisten unter anderem wegen des Kampfeinsatzes gegen die Taliban in Afghanistan verhasst.

Gefährliche Kadyrow-Fans

Will man die Tschetschenen in Österreich in politisch-weltanschauliche Gruppen einteilen ergibt sich laut Herwig Schinnerl (mit Schmidinger Herausgeber von „Dem Krieg entkommen?“, ein Buch über Tschetschenien und Tschetschenen in Österreich) folgendes Bild:  Auf der einen Seite stehen jene, die das Regime von Ramsan Kadyrow unterstützen, derzeit tendenziell zunehmen und laut Schmidinger „die größere Gefahr als die Islamisten“ darstellen (Stichwort: Israilow-Prozess, bei dem einige an eine Verwicklung Kadyrows glauben). Auf der anderen Seite: die Kadyrow-Gegner, wobei sich der Widerstand in ein kleineres islamistisches und ein weit größeres nationalistisches Lager (Anhänger von Achmed Sakajew, Chef der Exilregierung Tschetcheniens, der in London lebt) spalten. Wobei Schmidinger und Schinnerl betonen: „Der überwiegende Großteil der Menschen ist aber nach Österreich gekommen, um mit all dem eben nichts mehr zu tun haben zu müssen.“

Gutes Versteck

Im Anlassfall wird jedenfalls vonseiten des Innenministeriums betont, dass es „zu keinem Zeitpunkt“  Hinweise für eine Bedrohung Österreichs gegeben habe. Ob von anderen Umarow-Fans Gefahr droht? Von „ähnlich gelagerten Fällen“ wisse man zwar, so Rudolf Gollia, Sprecher des Innenministeriums, zur „Presse“. Man habe diese aber im Rahmen der „erweiterten Gefahrenerforschung“ (präventive und verdeckte Überwachung von Personen und Gruppen, die eine Gefahr für das Land darstellen könnten), im Auge. Auch Schmidinger glaubt nicht, dass Österreich selbst Gefahr droht: „Dafür gibt es ja keinen Grund.“ Allerdings sieht er das bekannte Klischee bestätigt, dass Österreich als (Logistik-)Basis für Terroristen  einen gewissen Ruf hat  – „als neutrales Land, das viel toleriert. Bei den Tschetschenen kommt dazu, dass es hier eine relativ große Gruppe gibt. Wer es geschickt macht, kann sich so gut verstecken, dass er den Behörden nicht auffällt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2010)