Gastkommentar

Gebrochene Seele

Es gibt zu wenig leistbare Psychotherapieplätze in Österreich. Vor allem für Kinder braucht es jetzt leistbare Therapien.

Der Autor:

Martin Schenk (*1970) ist Psychologe, Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitbegründer der Armutskonferenz.

Wenn du dir den Fuß brichst und ins Krankenhaus fährst, dir dort gesagt wird, leider sind die Kontingente für Gips schon verbraucht, ja, dann bist du in der Welt der psychischen Versorgung angekommen. Zum Glück gibt es in Österreich keine begrenzte Behandlung für Beinbrüche. Die psychotherapeutische Versorgung aber ist in Kontingenten organisiert, nicht nach dem Bedarf. Das heißt, es gibt eine gewisse Anzahl an Patienten, die maximal auf Kosten der Krankenkasse versorgt werden. Wenn es aus ist, ist es aus. Es gibt zu wenig leistbare Psychotherapieplätze. Die Versorgungslücke liegt bei der Leistbarkeit, aber auch bei den langen Wartezeiten und der Mangelversorgung in ländlichen Regionen. Es geht also um kassenfinanzierte Psychotherapie, um bessere regionale Versorgung und um diversere Formen der Angebote: Nicht nur die freiberuflichen Therapeuten in ihrer Praxis gehören da finanziert, sondern auch Primärversorgungszentren, spezialisierte Therapiestellen oder mobile Teams. Es fehlt ja auch an professioneller psychologischer Hilfe und an kinderpsychiatrischer Versorgung.

Die Weltunsicherheit drückt ganz schön auf die Seele. Corona wäre schon genug, Krieg in nächster Nähe kommt auch noch dazu. Die Häufigkeit depressiver Anzeichen, Angst und Schlafstörungen haben sich mittlerweile verfünf- bis verzehnfacht. Die meisten jungen Leute können das gut bewältigen, haben Ressourcen und Kraft, das zu schaffen. Andere aber sind verletzlicher, sind chronisch Druck und Enge ausgesetzt. Rund ein Fünftel der Mädchen und vierzehn Prozent der Burschen zwischen 14 und 20 Jahren leiden unter wiederkehrenden suizidalen Gedanken, das heißt, sie denken täglich oder mehr als die Hälfte der Woche an Selbsttötung. All das wird noch nachwirken, manches davon erst zeitverzögert auftreten. Verschärft wird die Situation der Kinder durch beengtes Wohnen und geringes Einkommen.


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