Burgtheater-Vestibül: Bezaubernde "Sommernacht"

BurgtheaterVestibuel Bezaubernde Sommernacht
BurgtheaterVestibuel Bezaubernde Sommernacht(c) Dapd (Lilli Strauss)
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Im Burgtheater-Vestibül wird lustvoll Komödie gespielt: "Eine Sommernacht", ein Stück mit Musik von David Greig und Gordon McIntyre. Die Handlung ist einfach und aberwitzig.

Die kleinen Bühnen des Burgtheaters geben Hoffnung. Während im Haupthaus vom Chef abwärts viel zu häufig routiniertes Mittelmaß geboten wird, blüht im Kasino und im Vestibül die Fantasie. Am Freitagabend zum Beispiel, bei der Premiere von „Eine Sommernacht“, einem Stück mit Musik von David Greig und Gordon McIntyre. Da haben junge Stars gezeigt, wie lustvoll Theater auch mit bescheidener Ausstattung auf einer kleinen Bühne wie dem Vestibül sein kann. Daniel Jesch als Kleinkrimineller „Medium Bob“ und Stefanie Dvorak als frustrierte Anwältin Helena steigern sich, von Bernhard Moshammer auf Orgel, Ukulele und Triangel gefühlvoll begleitet, in einen umwerfend komischen Mittsommernachtsrausch rein.

Die Handlung ist einfach und aberwitzig. Helena wartet in einem Weinkeller in Edinburgh vergeblich auf ihren verheirateten Lover. Die Bühne (von Thea Hoffmann-Axthelm symmetrisch gestaltet): ein spiegelndes Podest mit zu Pyramiden geformten Schnapsgläsern auf Tabletts, ein schwarzer Schirm und die Musikinstrumente. Der alte Steinboden davor ist mit transparentem Plastik ausgelegt, und das hat seinen Grund. Es wird in den nächsten eineinhalb Stunden feuchtfröhlich werden.


Hemmungslose Fantasien. Helenas Liebhaber sagt kurzfristig und demütigend per SMS ab. Bob soll die Schlüssel für ein gestohlenes Auto an den Mann bringen, doch auch sein Kunde taucht nicht auf. Das sind ideale Bedingungen, um bei den beiden so unterschiedlichen Charakteren, die nur das Alter von Mitte dreißig und der Wunsch nach Nähe eint, eine Midlife-Crisis auszulösen, sich einander an den Hals zu werfen. Immer wieder wird voller Verzweiflung von wildem, hemmungslosen Sex fantasiert – doch die Realität ist zumindest anfangs ernüchternder. Es beginnt mit einem One-Night-Stand am Rande der Bewusstlosigkeit.

Dieses Näherkommen ohne Illusion verdeutlicht Regisseur Sarantos Zervoulakos raffiniert, aber mit starken Bildern. Die Darsteller referieren das Geschehen meist, nur beiläufig schlüpfen sie dann in ihre Rollen. Das ergibt eine hübsche Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Buchstäblich umwerfend wird das Betrinken umgesetzt. Bob und Helena nehmen die Schnaps-Pyramiden, schütten sich den Inhalt über den Kopf. Bald schwimmen am Boden hundert Plastikbecher, das durchnässte Paar torkelt durch die Szene, bis es niedersinkt.


Dialog mit dem Penis. Zum Brüllen komisch ist auch die Szene, in der sich nach den Angebereien über die Liebesnacht und dem vorläufigen, als fix betrachteten Abschied, Bob beim Versuch zu pinkeln mit seinem Penis unterhält. Dvorak spielt dabei sein bestes Stück in echter Lustspielmanier. Getrennt haben sich Bob und Helena dann durch die Widrigkeiten des Morgens danach zu schlagen. Sie muss zu einer Hochzeit, zum sechsten Mal ist sie Brautjungfer – es wird ein Fiasko. Er ist den Mächten der Halbwelt ausgeliefert. Doch dann, und das ist das berührend Schöne an diesem Abend, dann schlägt die wahre Liebe zu, als ob nun Puck mit Zaubertrank manipuliert hätte. Und jetzt gehen die beiden in ihrem Spiel völlig auf. Das Paar begibt sich auf eine fantastische Reise durch die nächtliche schottische Hauptstadt, eine Flucht vor depressiver Einsamkeit, Bindung statt Bondage. Ja es sind noch Lieder zu singen, und wenn es auch Schnulzen sind. Riesiger Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2010)

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