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Die Ich-Pleite

Vertauschte Rollen

Carolina Frank
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Schönheit oder Körperpflege ist damals eher etwas für Frauen gewesen. Ein Mann hatte den Körper, den er hatte.

In diesem Sommer trägt der moderne Mann – nichts. Zumindest gürtelaufwärts. Man könnte es als Zeichen eines neuen freien Körpergefühls sehen. Das allerdings nicht ganz gender­gerecht ist. Denn während Frauen oft nicht einmal oben ohne baden dürfen, kommen Männer mit ihren nackten Oberkörpern überallhin. Ins Strandcafé, auf die Gartenparty, in den Park und bestimmt bald ins Konferenz­zimmer. Sicher, auch früher haben Männer beim Rasenmähen oder Grillen ihre T-Shirts ausgezogen. Und da­runter sind manchmal verräterische Dinge zum Vorschein gekommen. Der Gössermuskel, der auch Fassstärke haben konnte, das Muttermal, bei dem ein Hautarzt sofort zum Skalpell gegriffen hätte, oder die Narbe, bei der man ins Grübeln kam.

Aber Schönheit oder Körperpflege ist damals noch eher etwas für Frauen gewesen. Ein Mann hatte den Körper, den er hatte. Heute hat er den Body, den er sich antrainiert. Kein Wunder, dass er ihn auch herzeigen will. Wobei nackt nicht gleich nackt ist. Bei genauerem Hin­sehen stelle ich fest, dass man mit dem einen oder anderen Accessoire Akzente setzen kann. Oder womöglich von ­kleineren Trainingslücken ablenkt. Mit einem schwarzen Brust-Pulsmesserband von einer gewissen Bizepsschwäche oder mit einem hinten aus der Hose hängenden T-Shirt vom fehlenden Sixpack. Nur die natürliche Bekleidung des Männerkörpers, die Körperbehaarung, scheint ein Opfer der Mode-Evolution geworden zu sein. Dafür sieht man bei jungen Frauen immer öfter Haare fröhlich unter den Achseln hervorwuchern.

Möglich, dass die Rollen gerade getauscht werden. Und schon bald so mancher Mann die Frauen um ihre körperliche Freiheit beneidet. Kein Training, kein Waxing, kein gar nichts. Einfach reinschlüpfen ins weite Sommerkleid – und fertig.

("Die Presse Schaufenster" vom 24.06..2022)