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Harry Rowohlt: "Das ist ja alles so sterbensöde!"

Harry Rowohlt alles sterbensoede
HARRY ROWOHLT(c) AP (BERND KAMMERER)

Rowohlt ist Übersetzer, Rezitator, Kolumnist – und spielt in der "Lindenstraße", der Mutter aller deutschen Seifenopern. Am Mittwoch wird sie 25. Ein Interview mit der "Presse am Sonntag".

Es heißt, Sie haben sich Ihre Rolle in der „Lindenstraße“ – den Penner Harry – selbst auf den Leib geschrieben? Wie kam es dazu?

Harry Rowohlt: Mich hat ein Kollege des Gourmet-Magazins „Essen und Trinken“ angerufen: Ich soll mir ein Restaurant innerhalb Europas aussuchen. Da kann ich mich vollfressen und breitsaufen und werde dazu geknippst und interviewt, sie machen das jeden Monat mit einem anderen Prominenten. Ich habe ihm gesagt, er kann mich mal am Arsch lecken, ich bin von Beruf belletristischer Übersetzer und nicht prominent und könnte mir gleichwohl mein Mittagessen selber zahlen. Da hat meine Frau gemeint, ich hätte doch das Restaurant Akropolis in der Fernsehserie „Die Lindenstraße“ nennen können! Das liegt auch in Europa, ich hätte meine Ruhe gehabt – und es hätte ein bisschen netter geklungen.

 

Das heißt, Sie haben die Serie zu diesem Zeitpunkt schon gekannt.

Ich bin ja nicht Pierre Brice, der vorher noch nie Karl May gelesen hatte! Ich war ein Fan. Ich bin durch Logierbesuch gezwungen worden, mir die Serie anzusehen, und ich habe mir gedacht: So etwas Sterbensödes habe ich ja im Fernsehen noch nie gesehen! Das ist faszinierend! Die „Lindenstraße“ ist die einzige Serie, die sich getraut hat, den Alltag einigermaßen so darzustellen, wie er ist. Das ist die deutschsprachige Antwort auf „Coronation Street“! Jedenfalls rief ich dann auf Anregung meiner Frau den Kollegen von „Essen und Trinken“ an und sagte zu ihm: „Mir ist doch noch ein Restaurant innerhalb Europas eingefallen! Das Akropolis in der Lindenstraße!“ „Uiuiui, das wird schwer“, meinte er, aber drei Tage später meldete er sich und sagte: „Das Lindenstraßen-Team freut sich auf unseren Besuch.“

 

Sind Sie auch gleich gefilmt worden?

Ja, es gab zwei Einstellungen mit uns. Jeder hat 100 Mark Komparsengeld bekommen, zum Schluss hat uns die Pressetante durch alle Studios geführt und zum Abschied zu mir gesagt: „Einen schönen Gruß von Herrn Geißendörfer und von beiden Drehbuchautorinnen, sie sind alle drei begeisterte Leser Ihrer Kolumne ,Pooh's Corner‘ in der ,Zeit‘, und wenn Sie Lust haben, schreiben sie Ihnen eine kleine Rolle hinein.“ Da habe ich gesagt: „Dann aber bitte einen Penner, das ist die einzige Randgruppe, die noch nicht vorgekommen ist.“ Das war vor 15 Jahren.

 

Inwieweit haben Sie Einfluss auf den Text?

Insofern, als ich mir keinen Text merken kann. An diesen Makel hat man sich aber längst gewöhnt. Besonders wenn Irene Fischer das Drehbuch schreibt, schreibt sie mir gern etwas hinein, was sie von mir schon gelesen oder gehört hat, damit ich es mir besser einprägen kann. Zum Beispiel wollte mich in der Serie Tanja Schildknecht zu einer Bratwurst einladen, und ich ließ sie ziemlich barsch abfahren: „Ich bin kein Vegetarier, ich mag nur kein Fleisch! Das einzige, was ich noch weniger mag als Fleisch, sind Vegetarier.“ Das hat Irene Fischer von mir einmal in der Kantine gehört.

 

Was würden Sie einem Jugendlichen an einem Sonntagnachmittag raten? Eher die Lindenstraße oder „Pu der Bär“, den Sie ja übersetzt haben und nach dem Sie Ihre Kolumne in der „Zeit“ benannt haben?

Da bin ich, was die Loyalitäten betrifft, innerlich zerrissen. Dem Jugendlichen würde ich vielleicht die „Lindenstraße“ raten. Ein Erwachsener kann dann schon wieder „Pu der Bär“ lesen und sehen, inwieweit er sich seit der letzten Lektüre verändert hat. Man sollte alle sieben Jahre „Pu der Bär“ lesen.

Ab welchem Alter empfehlen Sie „Pu der Bär“?

Egal, um welche Kinderbücher es sich handelt, wenn das Kind blöd ist, ist es mit 65 Jahren immer noch zu blöd.

 

Was war die skurrilste Reaktion rund ums 25-Jahr-Jubiläum der „Lindenstraße“?

Skurril war da eigentlich gar nichts. Am meisten zu Herzen ging mir einmal die Begegnung mit einem riesenhaften Sandler mit einem riesenhaften schwarzen Hund am Bahnhof Zoo in Berlin. Der schüttelte mir die Hand, normalerweise heißt das so nur in schlechten Übersetzungen aus dem Englischen, aber er schüttelte sie mir wirklich. Und dann sagte er zu mir: „Ich wollte ihnen immer schon einmal danken für alles, was sie für unsere gemeinsame Sache unternehmen.“

 

Sie übersetzen, schreiben, rezitieren – welche Rolle spielt die „Lindenstraße“ in Ihrem Berufsleben?

Die „Lindenstraße“ macht etwa drei Prozent meines Erwerbslebens aus. Schauspielen ist von den fünf Jobs, die ich mache, der einzige, bei dem ich nichts zu können brauche.

Was würde in der „Lindenstraße“ weiter passieren, wenn es nach Ihnen ginge?

Ach, da lasse ich mich gerne überraschen. Der wunderbare Hermes Phettberg hat einmal gesagt, er habe den Eindruck gewonnen, die Lindenstraßen-Drehbuchautoren bekämen nur dann ihr 13.Monatsgehalt, wenn sie übers Jahr genau 100 Probleme aufgegriffen haben. Und einmal hatten sie nur 99 Probleme. Dann ist ihnen eingefallen, man darf sich nicht mit Q-Tips (Wattestäbchen, Anm.) die Ohren reinigen, weil dann geht die Watte ab und man muss zum HNO-Arzt und verliebt sich in die Sprechstundenhilfe und stirbt dann im weiteren Verlauf daran, dass jemand einem eine Bratpfanne auf den Kopf haut.

Sehen Sie selbst gerne fern?

Zwischendurch haben sie auf 3sat den „Kaisermühlen Blues“ wiederholt. Da habe ich alles abgesagt! Ich bin fast gestorben vor Glück! Ich war kürzlich in Wien und bin an den Würstelstand beim Konzerthaus gegangen, ich war ja vor vielen Jahren schon einmal längere Zeit in Wien, und so habe ich alles auf eine Karte gesetzt und ausprobiert, ob der alte Zauber noch funktioniert, und habe bestellt: „A Eitrige mit am schoafn Senf.“ Ich bin nicht aufgeflogen.

 

Man hat uns gesagt, wir müssten in unserer Interviewanfrage sehr auf die Rechtschreibung achten, Briefe mit Rechtschreibfehlern beantworten Sie nicht.

Das ist Quatsch!

 

Und was halten Sie von Anglizismen?

Meinen Sie Anglizismen wie „Das macht Sinn“ oder „Einmal mehr“? Die hasse ich natürlich wie die Pest! Und davon abgesehen: Ich werde als Übersetzer nicht dafür bezahlt, dass ich Sandwich mit Sandwich übersetze, sondern mit Klappstulle.

 

Bleibt Ihnen neben Ihren zahlreichen Jobs noch Zeit für anderes?

Ja. Weil ich zu blöd für einen Computer bin, e-maile ich nicht. Und weil ich nicht blöd genug für ein Handy bin, telefoniere ich nicht dauernd, und weil ich viel mit der Bahn fahre, komme ich seltsamerweise sogar zum Lesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2010)