Softpop-Neuerer: Dan Bejar, geboren 1972 in Vancouver, tritt seit 1995 unter dem zu seiner Musik völlig unpassenden Namen Destroyer auf. Im Jänner erscheint sein neues Album „Kaputt“.
„Chinatown“. Achtung: Dieser Song kann geeichte „Independent“-Hörer nachhaltig verstören. Er ist nämlich heimelig, schwärmerisch, idyllisch. Und das ohne Ironie. „You can't believe the way the wind's talking to the sea“, singt Dan Bejar mit zartem Schmelz in der Stimme. Oder: „I know you and I know the score.“ Dazu lässt er eine akustische Gitarre den Rhythmus angeben und ein Keyboard einen flauschigen Teppich legen. Mehr noch: Eine Trompete und ein Saxofon wie aus einer mitternächtlichen Hotelbar umspielen ihn mit Melodien, die so gediegen, so schmeichelnd sind, dass man fast überhört, dass im Hintergrund leises Unbehagen dräut, dass die Trompete am Rand zur Hysterie balanciert. Erst ganz am Schluss bricht die Idylle, das heißt: Sie bricht ab. Der Song verschwindet in den Geräuschen, aus denen er entstanden ist. „I can't walk away in Chinatown“, war der Refrain – was hat ihn dort gehalten? Was ist der „score“, den er so gut kennt? Das Rätsel bleibt. Ein seltsam schönes, schön seltsames Stück Soft-Pop.
Den Song der Woche küren allwöchentlich Thomas Kramar („Die Presse“) und Boris Jordan (Radio FM4). Zu hören ist er am Sonntag zwischen 13 Uhr und 14.30 Uhr auf FM4.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2010)