Am Rand des Prozesses gegen Jörg Kachelmann liefern sich die Gerichtsreporterinnen Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen ein hartes Medienmatch.
Der Fall Kachelmann nimmt kein Ende. Seit Wochen protokollieren deutsche Medien mit Übereifer jede Neuigkeit aus dem Mannheimer Landgericht. Dort wird dem Wetterexperten Jörg Kachelmann der Prozess wegen Vergewaltigung gemacht. Am Dienstag passierte Überraschendes: Kachelmanns Verteidiger Reinhard Birkenstock legte sein Mandat zurück. Der neue Anwalt des Beschuldigten heißt Johann Schwenn und tritt mit unerbittlicher Härte im Gerichtssaal auf.
Er lädt Gutachter aus, die sein Vorgänger beantragt hat, verlangt die erneute Vernehmung einer Exgeliebten des Beschuldigten und attackiert seinen Vorgänger Birkenstock hart. Eine Taktik, die viele nicht verstehen können. Aber wer hat denn in dieser Causa noch den Überblick behalten? Längst ist aus der Justizsache Kachelmann ein Medienmatch geworden, in dem die größten Spieler des deutschen Marktes ihre Rollen eingenommen haben. „Es scheint fast so, als würde mehr darüber berichtet als über ein Länderspiel“, sagt auch der deutsche Anwalt und Leiter des Instituts für Gerechtigkeitsforschung, Markus Schollmeyer. Er hat soeben sein Buch „Anklage“ (Irisiana Verlag) veröffentlicht, in dem er vermitteln will, was „hinter verschlossenen Türen bei Gericht passiert“. Aus beruflichem Interesse beobachtet er den Kachelmann-Prozess genau: „Mir ist kein Fall bekannt, bei dem alle Beteiligten, außer der Richter, so stark nach außen drängen“, sagt er.
Ganz vorn an der Medienfront kämpfen zwei Stürmerinnen: Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer agiert für Deutschlands auflagenstärkstes Blatt, die „Bild“-Zeitung, und ihr Magazin „Emma“ als Gerichtsreporterin. Das hat ihr vielfach Kritik eingebracht, die sie damit abtut, dass sie schlicht das Massenpublikum der Zeitung schätze. Auf der anderen Seite steht mit Gisela Friedrichsen die erfahrene Gerichtsreporterin des „Spiegel“. Einen ersten Nahkampf haben sich die beiden schon Wochen vor dem Prozessstart in Mannheim geliefert, als sie in der Talkshow „Anne Will“ aufeinander trafen.
Feindinnen seit Jahren. Dort attackierte Schwarzer die „Spiegel“-Reporterin und unterstellte ihr Sympathien für Kachelmann. Weil Friedrichsen den Angeklagten in einem Artikel verharmlosend als „Luftikus“ und „notorischen Herzensbrecher“ bezeichnet hatte und den Text über seine Entlassung aus der Untersuchungshaft mit den Worten: „Endlich! Die Entscheidung des Oberlandesgerichts Karlsruhe war überfällig“ betitelte. Schwarzer sah darin eine eindeutige „Solidaritätsbekundung“ für Kachelmann, was Friedrichsen vehement abstritt.
Der Streit der beiden Journalistinnen mag vordergründig wie ein Match zwischen den mächtigsten Blättern des Landes aussehen, ist aber in erster Linie persönlich begründet. Die beiden sind seit Jahren erbitterte Feindinnen, woraus vor allem Schwarzer keinen Hehl macht. Wenn sie über ihre Kontrahentin schreibt, dann gern mit dem Zusatz: „Die als ,renommiert‘ geltende Journalistin.“ In der „Emma“ schrieb sie 2009 über ihre Kollegin: „Sie weiß immer schon lange vor den Richtern, wer schuldig bzw. unschuldig ist. (...) Und sie macht aus ihrer Meinung keinen Hehl. So geht das seit 20Jahren.“ Der Konflikt zwischen beiden Frauen fußt auf einem divergierenden Rechtsverständnis. Schwarzer wirft Friedrichsen vor, sie stelle sich stets auf die Seite der mutmaßlichen Beschuldigten. Frauen seien bei ihr immer „die lieblosen Schlampen“, Männer „die unverstandenen Opfer“.
Auch Schwarzer wird wegen ihrer Kachelmann-Berichterstattung kritisiert. Ihre Berichte würden vor Emotionen triefen, sagen die einen. Sie würde im Kampf für die gute Sache, das Eintreten für die oft nicht ernst genommenen Vergewaltigungsopfer, auf das Prinzip der Unschuldsvermutung vergessen und Kachelmann schon vor dem Prozess als eindeutigen Täter entlarven, so die anderen. Schwarzer schreibt an einem Buch über den Fall; Friedrichsen gibt Interviews in Serie. Es scheint, als hätten hier einige eine bequeme Bühne für sich entdeckt, auf der sie Konflikte auf dem Rücken von Kachelmann austragen können.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2010)