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Buchbesprechung

"Schmelzwasser": Jenseits von Überlingen

Patrick Tschan beeindruckt mit seinem Roman über das Kleinstadtleben nach 1945.
Patrick Tschan beeindruckt mit seinem Roman über das Kleinstadtleben nach 1945.(c) Gian Marco Castelberg
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Der Schweizer Patrick Tschan verneigt sich in „Schmelzwasser“ vor Frauen, die sich nach dem Krieg was trauen: klug, berührend, witzig – und eine historische Fundgrube.

Die Art, wie Emilie Reber die kleine Stadt am Bodensee betritt, die sie kurze Zeit später auf den Kopf stellen wird, sagt schon viel über ihren Charakter aus: Mit einem „disziplinierten Hüpfer“ setzt die Buchhändlerin an Land, und zwar noch ehe das Schiff am Ufer festgemacht wurde. Es ist 1947 und dies ist die einzige Art der Ankunft, die für Emilie Reber denkbar ist, ihr Kompass für die nächsten Jahre: Sie will sich nie wieder beugen, nie wieder zurückhalten lassen, nie wieder von einer Mission abbringen lassen.

In seinem wunderbaren Roman „Schmelzwasser“ setzt der Schweizer Patrick Tschan Frauen wie Emilie Reber ein literarisches Denkmal – Frauen, die sich auch nach dem Krieg was trauen. Tschan serviert schwere Kost über Schuld, Verbrechen und die „Seelenblindheit der Kriegsgeneration“, erzählt aber mit feinem Humor und in einem leichten, flotten Sound, der gleichzeitig die Aufbruchstimmung und Lebensfreude der Jugend in den späten 1950er- und 1960er-Jahren widerspiegelt. Der Bodensee spielt dabei eine tragende Rolle – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes in Form des Jahrhundertereignisses „Seegfrörne“, als der See im Februar 1963 zufror. Österreichs Buchhändler waren nach dem „Testlesen“ von „Schmelzwasser“ so begeistert, dass der Erscheinungstermin um zwei Monate vorgezogen wurde.