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Mutmaßlicher Terrorist: Ein Phantom in Neunkirchen

(c) Clemens Fabry
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Kaum jemand in der niederösterreichischen Stadt kennt die tschetschenische Familie I. Angst vor Terror hat man hier nicht. Aslambek I. selbst befindet sich in Wiener Neustadt.

Neunkirchen/Wien. „Unser Tschetschene“, sagt der Punschverkäufer, während er das heiße Getränk in Styroporbecher füllt, „ist einfach nicht aufgefallen.“ Der Tschetschene, über den am Hauptplatz im niederösterreichischen Neunkirchen eine Handvoll Männer spricht, lebte hier mit seiner Familie, ehe er am vergangenen Mittwoch am Flughafen Schwechat festgenommen wurde. Der Grund: Terrorverdacht. Dabei war die Familie I., die von der Sozialhilfe lebte, unauffällig, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: In Neunkirchen, einer 12.200-Seelen-Stadt, kennt sie kaum jemand.

Die Kirchenglocke schlägt zwölf Uhr Mittag, während auf dem Eislaufplatz ein paar Kinder ihre Runden drehen; rundherum stehen geschlossene Adventmarkt-Stände, dahinter eine große Dreifaltigkeitssäule. Freilich rede man über die Verhaftung, sagt ein Vater, der seine Tochter zum Eislaufen begleitet hat. Aber übermäßig aufgeregt sei man nicht. Die Familie kenne er nicht – genauso wie die anderen Männer, die sich am Punschstand eingefunden haben. Auch dem Neunkirchner Bürgermeister Herbert Osterbauer (ÖVP) war die Familie vor der Festnahme nicht bekannt.

„Die Stimmung bei uns ist unverändert“, sagt Osterbauer, „ich habe keine Anrufe von besorgten Bürgern bekommen.“ So ein Fall könne überall vorkommen; deshalb lasse er „Neunkirchen nicht in Geiselhaft nehmen“. Auch Frau I. und ihre Kinder, die hier nach wie vor leben, würden in Ruhe gelassen.

Gab es Helfer?

Aslambek I. selbst befindet sich in Wiener Neustadt. Er soll, wie berichtet, geholfen haben, einen letztlich vereitelten Terroranschlag auf einen Zug mit Nato-Soldaten in Brüssel vorzubereiten. Der 32-Jährige, der – angeblich bei einem Granatenangriff in Tschetschenien – beide Hände verlor, soll ein Anhänger des tschetschenisch-islamistischen Rebellenführers Doku Umarow sein. Nach seiner Rückkehr von einer Pilgerreise nach Mekka wurde I. aufgrund eines von Belgien initiierten EU-Haftbefehls in Schwechat festgenommen. Derzeit wird seine Auslieferung an Belgien überprüft. Zeitungsberichte, wonach belgische Beamte nun in Österreich ermitteln sollen, dementiert das Innenministerium aber. Auf weitere „Presse“-Fragen – etwa, ob nach Helfern von I. in Österreich gesucht werde – reagiert man zurückhaltend. Denn da der Mann keine Hände hat, könnte er bei der logistischen Vorbereitung des Terroranschlags praktische Hilfe nötig gehabt haben. „Sollte es Hinweise geben, wird ermittelt werden“, sagt Sprecher Rudolf Gollia.

 

„Natürlich kann man verreisen“

Laut „Kronen Zeitung“ war I. in Schweden wegen Waffenschmuggels inhaftiert, kam aber ohne Prozess frei. „Sollte das stimmen, war das kein Grund, Asyl zu verweigern. Wenn er nicht angeklagt wurde, scheint das gar nicht auf“, so Gollia. Auch dass I. nach Mekka reisen konnte, sei wenig erstaunlich. „Als Asylberechtiger kann man prinzipiell natürlich verreisen.“ Vor seiner Rückkehr dürfte I. übrigens von der Hausdurchsuchung gewusst haben. Man könne seiner Frau – sie war bei der Amtshandlung anwesend – das Telefonieren ja nicht verbieten, sagt Gollia.

Und die Neunkirchner? Lassen sich Ironie nicht verbieten: „Ja, ich habe jetzt schreckliche Angst um mein Leben“, sagt der Kellner vom „Gasthaus zum alten Bräuhaus“ mit ironischem Unterton. Er glaube nicht an eine Gefahr für Neunkirchen; die Festnahme sei aufgebauscht worden. Den Kellner stört vor allem der Umgang der Medien mit diesem Thema. „Der Tschetschene“, sagt er, „wird schon seinen Grund haben, warum er die Russen hasst.“ Seine Gäste, ein Paar, pflichten ihm bei. Zwar würden auch sie die Familie nicht kennen, und die Terrorgefahr sei jedenfalls ernst zu nehmen – „aber wir sind da ganz phlegmatisch“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2010)