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Culture Clash

Lustvolles Lauern auf den Kodexverstoß

Ich kann mich an die gute alte Zeit erinnern, als Beleidigungen und Unterstellungen noch nicht „-istisch“ sein mussten, um zu empören.

Es gibt Weltbewegenderes, aber immerhin: SP-Abgeordneter Stefan Schennach hat eine Broschüre des Europaministeriums kritisiert, in der 62 Fotos der Ministerin Karoline Edtstadler zu sehen sind, und zeigte sich von der „Bandbreite ihrer Garderobe“ beeindruckt. Das wurde medial als „sexistische Attacke“ gewertet, auch die VP-Ministerin sah es so: „Ich habe noch nie von irgendjemandem gehört, welche Farbe die Krawatte hat und ob die Auswahl des Sakkos heller oder dunkler ist. Ich möchte das zum Anlass nehmen, um ein klares Statement zu setzen, dass mit Frauen in der Politik anders umgegangen wird als mit Männern.“

Die Ministerin liest offenbar Armin Wolfs Tweets nicht, in denen schon eine giftgrüne Krawatte Thema war („Anschober fashionmäßig on fire“). Viktor Klima wurde sogar in Interviews gefragt, warum er immer grauen Anzug, weißes Hemd und rote Krawatte trage. Und Edtstadlers Parteifreund Walter Tancsits bekrittelte 2002 in einer parlamentarischen Anfrage, dass in einer gesponserten Broschüre der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse aufscheine, „jeweils im Viktor-Klima-Look (weißes Hemd, rote Krawatte), einmal in einem dreiteiligen grauen Bankeranzug und einmal in einem blauen Blazer mit goldfarbenen Knöpfen“.

Mit dem Sexismus ist es nicht so einfach. Wie mit allen Ismen. Als ich noch jung war, war eine Beleidigung oder eine Unterstellung einfach deshalb ein Unwert, weil sie verächtlich war. Pflicht war damals bloß, ein verträglicher Mensch zu sein und dem anderen Achtung zu erweisen. Heute gibt es 1000 Ismen, die zu meiden sind. Beleidigungen werden erst interessant, wenn sie -istisch etikettierbar sind. Das sieht man jetzt auch bei Nelson Piquet, der Lewis Hamilton einen Neguinho („kleiner Schwarzer“) genannt hat: Da wird diskutiert, ob denn das tatsächlich rassistisch ist. So als ob alles gut gewesen wäre, wenn Piquet, der ganz eindeutig Hamilton runtermachen wollte, ein korrekteres Wort verwendet hätte.

Nicht, dass ich Rassismus etc. verharmlosen will. Aber der Unwert einer konkret ausgedrückten Verachtung scheint mir heute weniger im Visier zu sein als der Verstoß gegen einen immer komplizierter werdenden Ismus-Kodex, der solcherart die „Bösen“ aufdeckt, die uneinsichtig gegenüber dem Narrativ der Guten sind: Die Welt besteht aus lauter Unterdrückung (sofern man kein weißer Cis-Hetero-Mann ist) und bedarf daher der permanenten Umerziehung. Und für ein gutes Miteinander scheint mir das weniger brauchbar als die alte Regel, allen Mitmenschen mit Achtung zu begegnen, einfach weil sie Menschen sind.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien. 

meinung@diepresse.com

diepresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2022)