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Redebedarf

Ist Alleinsein auch eine Form von Kommunikation?

100 Rätsel der Kommunikation, Folge 6. „Lasst mich doch alle mal in Ruhe!“ Wer diese Attitüde ausleben will, konnte ins Kaffeehaus gehen. Bis jetzt.

Wer glaubt denn so was noch: Man steht auf und kann absolut frei über den Tag verfügen. Nein, man wacht auf hinein in ein System vom Zwängen und Erwartungen. Die Erste: Man muss halbwegs gewaschen und wohlriechend sein. Die nächste: Man muss reden. Jeder, der nicht redet, macht sich verdächtig. Ist er krank? Geht es ihm gut? Man muss sein soziales Gesicht aufsetzen, kaum geht man vor die Tür, so heißt das wirklich in der Soziologie, also nicht allen gleich zeigen, wie schlecht es einem geht und wie sehr man die anderen nicht mag, die einem im Stiegenhaus begegnen. Man muss. Man muss. Und man muss fast auch noch: nicht alleine sein.

Alleine sein, das macht auch verdächtig. Vor allem, alleine in Lokalen sitzen. Und noch verdächtiger: Frau sein und alleine in Lokalen sitzen. Warum ist denn die übrig geblieben, die arme und jetzt muss sie hier sitzen und warten, bis sie jemand abholt. Aber abgesehen davon: ganz ohne Gesprächspartner am Tisch?  Da könnte man ja genauso gut auf der Parkbank sitzen und man würde den armen Gastronomen nicht einen wertvollen Quadratmeter für den Preis von einem Apfelsaft gespritzt stundenlang wegsitzen. Einmal wollte ich abends in Dresden in ein mexikanisches Restaurant. Es war leer und es galt trotzdem wie überall „Please wait to be seated“. Sie steckten mich in die allerletzte Klo-Nische. Aus den riesigen Panoramafenstern durfte ich nicht schauen. Weil ich alleine war. Alleinspeisende werden diskriminiert!

Ohne Netz und Netzwerk

Nicht so im Kaffeehaus. Dort kann man im Bedarfsfall auch seine eigene Interaktionsmaschine aus dem Rucksack zücken, den Laptop. Wenn einem dann doch alles zu „allein“ ist. Und was passiert? Da sitzt man endlich befreit von menschlichen Interaktionen am Tisch und dann wollen sie einem diesen Entspannungszustand auch noch wegnehmen? Wie das Lokal „Phil“ in Wien etwa, das ein Laptop-Verbot verfügte. Sie mögen keine Menschen, die auf Bildschirme starren. Zuwenig Interaktion. Auch mit den Bücherregalen dort. Auf den Laptop starren sollen die Menschen im Büro. Oder zu Hause. Wie war das noch mit dem Kaffeehaus als Wohnzimmer? Dabei ist das Kaffeehaus doch auch der Lasst-mich-alle-mal-in-Ruhe-Ort. Wenn ich reden wollen würde, würde ich in die Bar gehen. Oder in den Beichtstuhl. Manchmal eh dasselbe. Im Kaffeehaus will ich alleine vor mich hinstarren und daran denken, dass alles früher besser war, obwohl es das gar nicht war, aber ich möchte dieses Gefühl, dass es so sein hätte können. Im Kaffeehaus muss man würdevoll alleine sein dürfen. Nicht so wie in den Restaurants mit der Kultur von „Please wait to be seated“ und in denen die Kellner-Frage „Noch ein Espresso?“ so viel heißt wie: „Schleich dich jetzt. Wir brauchen den Tisch für die nächste verlorene Seele“.

Das Kaffeehaus war der Ort, um alleine unter vielen zu sein. Nur diesen Anspruch können sich die Kaffeehäuser eben nicht mehr leisten. Auch das Nur-schön-Sein war dem Café Westend dann doch zu teuer. Jetzt sperrte es zu. Schuld sind sicher diese Abstinenten, die einen Kaffee bestellen und alle Buchstaben aus sämtlichen Zeitungen herauslesen. Jene, die die „Tische vollsitzen“, wie man auf Facebook lesen konnte. Jene, die die letzten zwei Stunden ihres Aufenthalts noch an dem Achtel Leitungswasser zum Kaffee nippen. Im Kaffeehaus konsumiert man Raum und Zeit und auf der Rechnung steht nur ein Kaffee. So ähnlich verklärte man es noch in die Begründung der UNESCO, warum sich die Kaffeehauskultur auch etwas verdient: den Status „Immaterielles Kulturerbe“.

Am aktuellen Kaffeehaus-Tisch müsste dagegen ein Schlitz sein, in den man alle 15 Minuten einen Euro nachwirft. Als Preis für das ungelenkte Vor-sich-hinstarren. Und für das Alleinsein. Aber auch das wäre tatsächlich ja nur Illusion. Denn da ist immer jemand. Man hat ihn selbst mitgebracht. Das Smartphone schubst, vibriert und piept einen ständig an. Die Bank auf dem Handy will irgendwas. Das Handy selbst will irgendwas. Die Lasst-mich-doch-alle-mal-in-Ruhe-Kultur braucht eher ein Handyverbot im Kaffeehaus als ein Laptop-Verbot.

100 Rätsel der Kommunikation

Norbert Philipp bespricht in dieser Kolumne die dringendsten Fragen der digitalen und analogen Kommunikation: Muss man zu Chatbots höflich sein? Wie schreit und schweigt man eigentlich digital? Heißt „Sorry“ dasselbe wie „Es tut mir leid“?. Und warum verrät „Smoke on the Water“ als Klingelton, dass ich über 50 bin.