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Lockstoff

Infizierte ziehen Stechmücken besonders an

(c) Getty Images (Steffen Kugler)
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Zika- und Dengue-Viren versorgen Infizierte mit Lockstoffen, der bei weiblichen Gelsen besonders gut ankommt. Das ergab eine aktuelle Studie.

Sommer ist, wenn es nach Anti-Insektenmittel riecht. Zumindest für jene, die bei den stechenden Artgenossen besonders beliebt sind. Jene mit „süßem Blut“ oder besonders hoher sexueller Anziehungskraft, so stand es einmal, etwa 2002, in einer Ausgabe der Zeitschrift „Neue Post“. Nun kann man sich als Opfer von Stechmücken damit zufriedengeben oder aber nach wissenschaftlich fundierten Erklärungen suchen.

Angezogen werden die lästigen Tierchen zum einen von ausgeatmetem Kohlenstoffdioxid, zum anderen von Stoffen, die beim Zersetzen von Schweiß auf menschlicher Haut entstehen können. Aber auch bestimmte Viren können eine Rolle spielen. So fand ein chinesisches Forschungsteam kürzlich heraus, dass Dengue- und Zika-infizierte Mäuse und Menschen einen Duft abgeben, der weibliche Gelsen, also jene die stechen, anzieht. Überprüft wurde die Annahme, indem von Betroffenen Geruchsproben gewonnen wurden, die dann wiederum Menschen und Mäusen auf die Haut aufgetragen wurden.

Von Mensch zu Mücke zu Mensch

Für die Anziehung verantwortlich ist ein Stoff namens Acetophenon, der bei Infizierten in einer unvermutet hohen Konzentration vorkam. In der Regel, also bei gesunden Individuen, sorgt ein antimikrobielles Protein, genannt RELMα, dafür, dass sich Bakterien, die Acetophenon produzieren, nicht übermäßig vermehren. „Die Infektion mit Flaviviren unterdrückt die Expression von RELMα“, schreibt das Forschungsteam. So komme es dann zu einem erhöhten Acetophenonspiegel, der wiederum vermehrt Stechmücken anlockt. Die Forschenden bezeichnen das als „ein ausgeklügeltes Zusammenspiel zwischen der Hautmikrobiota der Wirte, den Flaviviren und den Moskitos“.

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Veronika Schmidt aus der Wissenschafts-Redaktion der „Presse“ zu Gast bei Anna Wallner in „Presse Play - Was wichtig wird“.

 

Denn angezogen werden gesunde wie infizierte Stechmücken vom Duft gleichermaßen. Einmal von Blut der Infizierten genascht, ist eine jede Mücke selbst Trägerin der Flaviviren - zu denen auch Dengue- und Zika-Viren gehören - und kann sie somit weiter verbreiten. Die Viren sind sogar darauf angewiesen.

Je nach Mückenart

Knapp die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Gebieten, in denen Dengue-Fieber auftreten kann. Eine Infektion kann symptomlos verlaufen, bricht sie aus, gleicht sie einer heftigen Grippe. Neben Fieber und Hautausschlag können auch Blutungen auftreten, die nicht selten in lebensgefährlichen Verläufen münden. Mehr als 50 Millionen Infizierte kommen nach Angaben des US-National Institute of Health jährlich hinzu, etwa 20.000 sterben. Der Zika-Virus verläuft meist milder, kann aber vor allem Schwangere und deren ungeborene Babys gefährden. 

Überträgerinnen sind vor allem Ägyptische Tigermücken, auch als Gelbfieber- oder Denguemücken, bekannt. Auf jene konzentrierte sich auch das Forschungsteam aus Peking. Ob die in Europa mehrheitlich verbreitete Gemeine Steckmücke ebenfalls vom Duftstoff Acetophenon angezogen wird, ist unklar, aber nicht ausgeschlossen. Mittlerweile fühlen sich aber auch tropische Gelsen in europäischen Regionen wohl. Zuzuschreiben ist das vor allem dem Klimawandel, der immer höhere Durchschnittstemperaturen mit sich bringt.

Umstrittene Abhilfe

Wie man dem ausgeklügelten Mechanismus von Viren, Hautmikrobiota und Mücken entgegenwirken kann, war ebenfalls Teil der Studie. Darauf stieß das Forschungsteam auf ein Präparat, das als Akne-Medikent bekannt ist: Isotretinoin. Dieses soll die Produktion des antimikrobiellen RELMα in der Haut erhöhen und somit den Acetophenonspiegel senken. Beobachtet hat man dies bisher ausschließlich bei Mäusen. Dabei wurden infizierte Mäuse, die mit dem Mittel gefütterten wurden, nicht häufiger gestochen als gesunde Artgenossen.

Das Forschungsteam erhofft sich damit eine Chance auf die Eindämmung der Flaviviren, indem weniger Mücken als Überträgerinnen fungieren. Versuche mit Menschen sollen demnächst durchgeführt werden. Die starken Nebenwirkungen des Medikaments könnten allerdings ein Problem darstellen.

Eine weitere Möglichkeit könnte die Genmanipulierung der Stechmücken sein. Dazu wollen die Forschenden die spezifischen Geruchsrezeptoren für Acetophenon in Moskitos identifizieren und die entsprechenden Gene in weiterer Folge versuchen zu entfernen. Das veränderte Erbgut soll dazu führen, dass die Stechmücken den Lockstoff nicht mehr wahrnehmen können.

(evdin)